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Sport-Stammtisch (vom 15. Juni)

Julian Brandt erklärt seinen Wechsel  nach Dortmund drei Minuten lang im BVB-Sender – und schon klagen wir Journalisten wieder über die Bundesliga-Klubs, die uns mit ihren vereinseigenen Sendern Konkurrenz machen. Wobei »machen« im Indikativ, in der Wirklichkeitsform, gemeint ist, aber im Konjunktiv zu verstehen sein sollte. Nicht das, was in den Klub-Sendern gemeldet wird, ist Journalismus, sondern wie wir das Gemeldete einordnen, Zusammenhänge herstellen und kommentieren. Wer dennoch glaubt, das Klub-TV ginge auf Kosten des unabhängigen Journalismus, versimpelt diesen  und sich selbst.
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Der größte Versimpeler heißt aber nicht BVB oder FCB, sondern DFB. In einem Text in der Zeit über die  deutsch-englisch-deutsche Karriere des U-21-Nationalspielers Lukas Nmecha erfährt man fast beiläufig, dass der DFB seinen Spielern nachträglich Floskeln wie »gemeinsam den nächsten Schritt gehen« in »Original«-Interviews hinein schreibt. Und das ist nun wirklich ein Skandal. Dass der DFB das macht und dass Redaktionen das hinnehmen.
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Ein anderes und dennoch ähnliches Problem hat die Geschichtsschreibung, auch die sportliche. Geschichte ereignet sich nicht in Geschichten, sondern in Momenten, über die Geschichten geschrieben werden. Nehmen wir mal Neuers neue »Solo-Super-Show« (Bild online), über die ich im Blog »Sport, Gott & die Welt« schrieb: »Bin gespannt, wie sie in den ›Qualitätsmedien‹ bewertet wird. Genial oder überheblich oder beides oder nur überheblich?« – Ergebnis nach Sichtung der journalistischen Meinungslage: einfach nur genial. Aber man stelle sich bloß vor, Neuers Kamikaze-Aktion im WM-Finale 2014 wäre mit Elfmeter bestraft worden, was nicht zwingend, aber möglich war, und Deutschland hätte deswegen das Finale verloren. Der Moment, in dem der Schiedsrichter pfeift, hätte eine andere Sportgeschichte geschrieben, auch über die »ewige Nr. 1« im deutschen Tor. Dass Neuer dennoch der Beste war und ist, hat damit nichts zu tun und ist außerdem nur (m)eine unerhebliche Privatmeinung unter Millionen anderen.
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Eine Meldung und (m)eine Geschichte. In Rom ist ein 14-jähriger deutscher Schüler wegen »erschwerter Sachbeschädigung« angezeigt worden, weil er im Kolosseum seine Initialen in eine Mauer geritzt hat. Knapp 30 Jahre später atme ich auf: Glück gehabt! Mich haben sie nicht erwischt, als ich während der WM 1990 an mehreren Stellen im Kolosseum »Ich liebe meine Zeitung«-Aufkleber an Mauern klebte. Mittelhessische Rom-Besucher sollten sie suchen – und fanden sie auch. Mit Beweisfotos in unserer Zeitung. Verjährt, hoffe ich. Außerdem dürften Aufkleber keine erschwerte, sondern strafmindernde Sachbeschädigung sein.
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Der Esoterik in all ihren Facetten nicht gerade zugeneigt, lag ich einst auf einer Massagebank, nach langer Autofahrt und zuvoriger Zufuhr von fünf Bic Mac mit schwerem Bauchgrimmen, wovon ich dem Physiotherapeuten nichts verriet, als dieser plötzlich, meinen linken Fuß bearbeitend, fragte; »Hast du Bauchschmerzen?« Ich war baff. Er hatte dort unten einen Punkt ertastet (ich glaube, er nannte ihn »M 41«), der ihm diese Beschwerden signalisierte. Seitdem halte ich Akupunktur nicht mehr für Humbug. Jetzt allerdings gibt es eine wissenschaftliche Erklärung für die Feinfühligkeit des Masseurs: »Mirror-Touch-Synästhesie«, sagt der Psychiater Markus Zedler im Zeit-Interview. Neurowissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, so Zedler, dass sich bei Synästhetikern die Sinne vermischen, »einige empfinden sogar die Schmerzen anderer«. Wie mein Masseur, der, wie er beteuerte, mit den Händen Sorgen, Nöte und Schmerzen der Patienten derart intensiv in sich spürte, dass er danach fix und fertig war.
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Leider, oder zum Glück, bin ich kein Synästhetiker. Aber ich kann nachempfinden, was Jessica Libbertz (geb. Kastrop) als Fußballmoderatorin unter lauter Männern mitgemacht hat. In ihrem Buch »No shame« schreibt sie auch über die Scham, die sie nächtelang wach hielt, wenn sie die fast immer fiesen Kritiken über sich gegoogelt hatte. Als »Anstoß«-Leserin hätte sie selig schlummern können, denn wider den männlichen Fußball-Zeitgeist schrieb ich vor fünf Jahren, Jessica Kastrop sei »glasklar, kompetent, freundlich, aber nicht ranschmeißerisch, eine vom Format der lange Zeit unerreichten Monika Lierhaus, dazu noch mit einer angenehmen Nähe zur Selbstironie.« Dass sie vor »No shame« ein Buch geschrieben hat, dessen Titel assoziativ mit dem Holzhämmerchen zuschlägt … ach, vielleicht hat ihn nur der Verlag à la DFB hinein geschrieben: »Blond kickt gut.«
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No shame!, möchte man auch den Jungs zurufen, über die sich Bundesliga-Rekordschützing und Männertrainerin Inka Grings im SZ-Interview (und in »Ohne weitere Worte«) wunderte, als »mir mein Co-Trainer bei der U17 erzählte, die Jungs duschen alle mit kurzer Hose oder Unterhose. Da hab ich gesagt: Nee, komm, erzähl mir nix! Sagt er: Doch, das ist fast überall so.« – Was eine nicht repräsentative Umfrage im Bekanntenkreis bestätigt. Nicht nur bei den Kickern, auch im Fitness-Studio  scheinen die Unterhosen-Duscher Migrationshintergrund zu haben. Kein Wunder, dass mein sehr geschätzter Kollege »sk« sinniert: » Vielleicht ist das das Kopftuch des Muslims?« Auch ich komme ins Grübeln: Was machen sie bloß mit den klatschnassen Unterhosen? (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)