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Montagsthemen (vom Dienstag, 11. Juni)

Pfingsten pfing ja schon … nee, lassen wir den traditionellen Kalauer, es reicht ja schon, dass es nach Fingsten auch am Dienstag Montagsthemen gibt. Neustart: Fußball satt. Gab es monatelang und hab ich jetzt. Overkill. Pappsatt. Nations League? Gut, dass Deutschland nicht mehr dabei war. EM-Qualifikation? Methadon für Junkies. Und jetzt Estland!
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Die medial gepushte Frauen-WM … ist eine ganz andere Geschichte. Buch-stäblich, da mit literarischem Anlauf. Das neue Werk von Jan Brandt heißt »Eine Wohnung in der Stadt«. Oder, wenn man das Buch umdreht: »Ein Haus auf dem Land«, denn es sind zwei (autobiografische) Texte in einem Buch, lesbar nacheinander oder auf einander zu. In der Stadt, in Berlin, sucht Brandt eine Wohnung, auf dem Land, in seinem Heimatdorf Ihrhove, will er den alten Hof seines Urgroßvaters retten. Wie’s der Zufall will, ging der Kicker vorige Woche genauso vor wie Jan Brandt, nämlich mit (Branchenjargon:) »Wendetitel«. Vorne (bzw. hinten) auf dem Titelblatt »Reus exklusiv«, hinten (bzw. vorne) »Der Traum vom dritten Stern«. Also jeweils zwei thematisch (Wohnen, Fußball) zusammenhängende, aber unterschiedliche Seiten einer Medaille (Mietwohnung Stadt/Eigenheim Land bzw. Männerfußball/Frauenfußball).
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Standard-Beispiel: Obst und Äpfel/Birnen. Gleichermaßen unsinnig daher, wenn kämpferische Frauenrechtlerinnen im Fußball gleiche Bezahlung fordern (= Äpfel sind Birnen) oder plumpe Machos den Frauenfußball verachten (= Äpfel sind gar kein Obst).
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Warum verdienen Fußballerinnen so viel weniger, obwohl sie »doch ähnlich professionell trainieren wie Männer und auch neunzig Minuten auf dem Platz kicken, kämpfen und tricksen?«, fragt die FAS auf ihrer Wirtschaftsseite. – Weil das kein Kriterium ist. Besser weiß ich es immer noch nicht: »Da sich die Nachfrage nicht auf alle Gebiete gleichmäßig verteilt, ist es nur natürlich, dass ein Spitzentenor Spitzengagen erhält, selbst der genialste Alphornbläser aber keine Millionen scheffeln kann« (gw 1984!).
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Aktuelle Zusatzinformation: Frauenmeister Wolfsburg ist auch Spitzenreiter in der Zuschauer-Wertung und hier mit 20 000 weit voraus. 20 000 – in der gesamten Saison! Schnitt: 1840. Gesamtschnitt der Frauen-Bundesliga: 833. Dennoch verdienen die Fußballerinnen vielleicht etwas zu wenig, die Fußballer aber ganz sicher viel zu viel. Vor allem, weil hier Angebot und Nachfrage manipuliert werden, durch Großsponsoren, Werbung, Ölscheichs und Gas-Oligarchen. Deren Geld, das unser Geld ist, weil in ihren Produkten eingepreist, bläst die Blase auf. Bis sie platzt. Durch die Wirkmacht des Desinteresses. Overkill wann?
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Den Frauensport plagen existenziellere Probleme als die Bezahlung der Fußballerinnen. Das Schweizer Bundesgericht hat auf Klage von Caster Semenya das Urteil des Weltverbandes vorläufig kassiert, dass sie und andere, die auf Strecken von 400 m bis zu einer Meile (1609 m) starten wollen, ihren Testosteronspiegel auf unter fünf Nanomol pro Liter Blut zu senken haben. Was sowieso eine bizarre Regelung ist, da nur für einige wenige Disziplinen gültig, obwohl für alle notwendig. Dazu noch die Frage im aparten Umkehrschluss: Dürften sich jetzt sehr weibliche Frauen zwecks Chancengleichheit regelgerecht an die fünf Nanomol herandopen?
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Noch ’ne aktuelle Meldung. Bei den College-Meisterschaften der USA steigerte die 19-jährige Sha’Carri Richardson mit 10,75 Sekunden den fast 42 Jahre alten U20-Weltrekord von Marlies Göhr um satte 13 Hundertstel. – Dies nur zur Erinnerung an das Bestreben, alle Rekorde aus dem »Doping-Zeitalter« zu streichen. Sie weichen auch ohne zu streichen.
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Um Missverständnissen vorzubeugen: Das alles, vom Fußball bis zur Leichtathletik, ist eine engagierte Verteidigung des echten Frauensports mit großem Respekt für seine Protagonistinnen wie Malaika Mihambo (auf 7,07 m verbessert! Klasse!), Angelique Kerber (trotz oder wegen ihrer zwischenzeitlichen Tiefs) oder »unsere« mittelhessische Lisa Mayer. Sie und die DFB-Spielerinnen leistungsmäßig mit den Männern auf der anderen Seite der Medaille zu vergleichen, ist einfach nur Unsinn.
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Unvergleichlich bleibt auch »Dööörk«. Höchst mögliche Ehrerbietung für ihn: Dallas verdanke, sagt der Bürgermeister, Dirk Nowitzki eine Imagewandlung zum Guten. Bisher sei die Stadt bekannt gewesen durch die gleichnamige Fernsehserie um den Fiesling J. R. und durch das Attentat auf Kennedy. Heute werde Dallas mit Dirk gleichgesetzt. Mehr geht nicht. Zumal es stimmt, zumindest für Unter-50-Jährige. Und auch für mindestens einen Über-70-Jährigen.
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Bei so vielen Zahlen in der Kolumne plagt mich immer das mulmige Gefühl, falsch gerechnet zu haben. Zu guter Letzt aber eine neue Aufgabe fürs Mathe-Abitur, die selbst ich lösen könnte. Das HSH-Nordbank-Verfahren wird eingestellt, Ex-Vorstandsvorsitzender Nonnenmacher zahlt 1,5 Millionen und gilt als unschuldig. Die Bank hätte ihm die bereits ausgezahlte Abfindung von vier Millionen Euro wieder abnehmen können, wenn er verurteilt worden wäre. Aufgabe: Was kostet Unschuld? Und vor allem: wen? Aber bleiben Sie bitte unverdrossen. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)