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Sport-Stammtisch (vom 18. Mai)

Wäre Fußball ein nach üblichen Maßstäben funktionierender Leistungssport, könnten wir diese Saison schon abhaken: Bayern wird Meister, Eintracht fällt aus den Europapokal-Plätzen. Die Münchner sind vom Potenzial und der Belastung her hoch überlegen, die Frankfurter sind platt. Viel platter als ihre direkten Euro-Konkurrenten. Keine Körner mehr, Akku leer, wie auch immer man es nennen mag: Sie sind platt. Eine sogar hohe Niederlage droht.
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Wer derart platt ist, gleicht einem Radrennfahrer, der mit einem Platten fährt, die letzten Kilometer bergan auf der Felge. Bei der SGE, die monatelang so bravourös gekämpft hat, ist der Geist noch willig, aber das Fleisch schwach. Es wieder stark machen, würde Wochen dauern. Viele Wochen. Wer jetzt dennoch »Wir woll’n euch kämpfen seh’n« brüllt, verhöhnt nicht nur die Sportler, sondern outet sich als Ignorant, der vielleicht die Ablösesummen und Einkünfte der Profis kennt, deren Model-Frauen und Beziehungskisten sowieso, aber unbeleckt ist vom inneren Gefüge des Leistungssports.
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ABER … Fußball ist eben KEIN nach üblichen Maßstäben funktionierender Leistungssport. Im Fußball ist – Vorsicht, Binse, aber es stimmt nun mal: – alles möglich. Für die Eintracht Europa, für Dortmund der Titel. Es sei denn, kurz vor Schluss steht es 1:1, sie schließen einen unausgesprochenen Nichtangriffspakt zu Lasten Algeriens … huch, da habe ich etwas verwechselt. In Gijon stand  es ja 1:0.
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Sorry, böser Scherz. Eintracht Frankfurt wäre »schon lange für die Champions League qualifiziert, wenn wir die zwei Chelsea-Spiele nicht gehabt hätten« (Fredi Bobic im SZ-Interview). Freud und Leid liegen nicht nur nahe beisammen, sondern bedingen sich manchmal auch. Falls heute gegen 17.20 Uhr Trost nötig sein sollte: Andere Klubs, die sich an Europa begeistert hatten, stiegen sogar ab (zuletzt Köln). Leipzig dagegen profitiert davon, Europa abgeschenkt zu haben. Egal, was heute kommt: Danke, Eintracht, dass ihr nicht geleipzigt habt.
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Nun aber Schluss mit dem Rumgeschwurbel im Vorstartfieber. 100-Millionen-Quizfrage zwischendurch, für echte Allround-Könner: Was kostet mehr, Monets Heuhaufen, Koons’ Kaninchen oder Griezmanns Beine? Auflösung gibt’s nicht, nur mein Vorschlag, wohin damit: Die Beine zur Eintracht, den Heuhaufen ins Städel, das Kaninchen ins Kinderzimmer.
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Ernsthaft jetzt. Zur Frauenfrage. Und den »diversen« Geschlechtern. Da wird mehr rumgeschwurbelt, als mir selbst im Vorstartfieber-Delirium möglich wäre. Paradebeispiel Leichtathletik. Südafrika will das Semenya-Urteil (nennen wir es vereinfacht so) anfechten. Das Ganze entwickelt sich zur unendlichen Geschichte. Es beginnt schon mit der Pi-mal-Daumen-Regel, die nur die Semenya-Disziplinen abdeckt. Was historisch und sportlich falsch ist. Sogar Forderungen nach einer dritten »diversen« Wettkampfklasse werden laut. Ich würde mich gerne über die fernab jeglicher sportlicher Realität vorbeigehende genderbewegte Diskussion lustig machen, denke jedoch an die zwar nur wenigen Betroffenen, für die das alles aber eine existenziell belastende Sache ist. Daher Empathie, kein Spott. Ich wiederhole nur, dass am Ende dieser Diskussion um den Frauensport das Ende des Frauensports stehen könnte. Daher bitte schon am Anfang aufpassen!
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Männer haben es leichter. Obwohl ihnen andere geschlechtliche Qualen drohen. Zum Beispiel ein »Radikales Ritual« (Spiegel-Schlagzeile) im Nachwuchszentrum von Flensburg-Handewitt. Dort »wurden einem Jungen mit einer Rohrzange die Brustwarzen umgedreht«, was kein Einzelfall sein soll, sondern Initiations-Ritus in der Nachwuchsakademie des deutschen Handball-Meisters. Die Brustwarzen? Mit der Rohrzange! Das tut ja schon beim Lesen weh. Warum ausgerechnet die rudimentären, funktionslosen geschlechtlichen Sekundärmerkmale des Mannes? Sexualpathologisch bedingt? Unterschwelliger Neid-Komplex, sadomasochistisch ausgelebt?
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Früher war alles besser. Und humaner. Bei uns wurden die Neuen im Kader unter Glockengeläut vermessen, denn in meiner früheren Disziplin spielte die Körpergröße eine wichtige Rolle. Im Duschraum: »Wie groß bist du?«– »1,95.« – »Glaube ich nicht. Ich bin auch 1,95.« – Beide stellten sich Rücken an Rücken, Hinterkopf an Hinterkopf, streckten sich, weil jeder größer sein wollte … und ein Dritter griff beim nichtsahnenden Neuen unten kräftig zu und läutete unter Gejohle, nun ja, die Glocken. Aber jetzt die Brustwarzen, mit der Rohrzange … das ist kein Spaß mehr, sondern krimineller Sadismus.
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Zu besserer Letzt noch einmal zum Heuhaufen. Claude Monet hat 18 (!) Bilder mit diesem Motiv gemalt. Eines davon besitze ich seit 30 Jahren: »Heuschober bei Sonnenuntergang«, 1891. Öl auf Leinwand, 75 x 94 cm. Bei mir allerdings etwas kleiner, etwa 7 x 9 cm, bunt auf Papier einer Monet-Monographie. Große Kunst für den reichen, kleine für den armen Mann.
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Eine Pappelallee hatte ihn, Monet, derart fasziniert, dass er sie sogar 23 Mal malte. Vorteil des großen Künstlers gegenüber dem kleinen Fan: Er kann seine Wunschvorstellung selbst verwirklichen. Der Eintracht-Fan kann davon nur träumen. Bis zum Nachmittag. Ich wünsche süßes Erwachen. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)