Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Sonntag, 14. April, 6.30 Uhr

Es muss in der Nacht geschneit haben, der Gartentisch ist noch weiß befleckt.

FAS aus dem Briefkasten geholt. Themen-Anreißer auf  der Titelseite: „DER WINTER NAHT!  ‚Game of Thrones‘, die radikalste aller Serien, kommt zu ihrem Ende: krachend. Feuilleton, Leben“ – Offenbar huldigt die Sonntags-Tante der Mittelbürgerschichts-FAZ der Serie gleich in zwei Ressorts. Werde ich nicht lesen, Serie nie sehen. Von dem, was ich über sie weiß, habe ich genug.

In unserer netten kleinen Heimatzeitung liest sich der Fortsetzungsroman, diese letzte Bastion des Auf-Papier-Lesers, streckenweise wie ein Porno der miesesten Art. Irgendwie ins Blatt gerutscht. Die Aufregung hält sich in Grenzen.

Im Gegenteil. Es gibt fast keine. Wird kaum registriert. Falls doch, dann meist mit Achselzucken. Oder sogar mildem Verständnis. Im Internet gibt es ja noch viel härteren Stoff.

Man will ja kein Spießer sein. Kennzeichen des Spießers von heute: Er will unbedingt kein Spießer sein.

Wer kein Spießer sein will … ist einer.

Die Autorin Sophie Passmann, unangepasst, manchmal schrill, immer frei vom Verdacht, eine Spießerin zu sein, schreibt in ihrer Kolumne im Zeit-Magazin über „Game of Thrones“: „Die Serie besteht zu gleichen Teilen aus Vergewaltigung, Mord, Inzest und Schnee. (…) Ständig darf der Zuschauer Sex und Gewalt sehen, ohne sich als stumpfer Freund von Sex und Gewalt outen zu müssen. Game of Thrones schauen ist, wie sich morgens im Büro heimlich Schnaps in den Kaffee zu kippen, damit niemand merkt, dass man sehr gerne säuft.“

Alleine für diesen letzten Satz liebe ich Sophie Passmann. Und sie ist erst 25! Die Hoffnung lebt.

Die immer weiter um sich greifende innere Verwahrlosung beobachte ich schon lange, habe sie seit vielen Jahren immer mal wieder in den Kolumnen thematisiert, meist aus der Sicht des distanzierten Beobachters der Spezies Mensch. Manchmal brach es aber auch aus mir heraus:

Diese mitgefühllose, selbstbezogene und, wie ich es einmal nannte, flachselige Art (man könnte es heutzutage als Trumpeltierhaftigkeit bezeichnen) greift immer mehr um sich, auch bei uns. Diese innere Verwahrlosung wird durch äußere Einflüsse begünstigt und verstärkt. Für mich waren dafür zuerst die Ballerspiele das Symbolwort, später das Wetten und Zocken als Milliardengeschäft, Poker als ernsthaft betriebener Sport, manches andere kam dazu, ich will es gar nicht alles aufzählen, denn gesellschaftlich mittlerweile verankerte und systemimmanente Bereiche (vor allem auch im Sport) gehören dazu – und ich würde, zählte ich alles namentlich auf, das Casting zum schrulligsten Schrat haushoch gewinnen. * Aber das muss ich noch loswerden: Was für mich mit Ballerspielen begann, wird heute in Reality-Shows auf abartige Höhepunkte getrieben. Behauptet nicht der schrullige Schrat, sondern eine Studie der London School of Economics, lese ich im Spiegel. Schon eine einzige Minute derartiger Sendungen fördere Egoismus, antisoziale Einstellung, Ablehnung des Sozialstaats und Verachtung von Armut. – Man könnte es aber auch andersrum sehen. Mein Umkehrschluss: Niemand, der Herz und Verstand hat, hält diesen Schund der Kardashian-Art eine Minute lang durch.

Wer dies alles dennoch toleriert und relativiert, ist, noch einmal, gerade der Spießer, der er nicht sein will. Er ist das Übel unserer Zeit.

So. Das war aber mal ein echtes Wort zum Sonntag, oder?! Geschrieben von einem, der, wenn er im Verdacht stünde, ein Spießer zu sein, nicht protestieren würde. Warum auch? Ist mir doch egal.

Vielleicht noch ein Wort zum öffentlichen Porno von Internet bis Heimatzeitung: Nicht die Pornografie ist das Problem, die gab es immer, wird es immer geben, ob sie dem einen oder der anderen Spaß macht oder ihn/sie abstößt, ist Geschmacksache. Das Problem ist die gesellschaftliche Akzeptanz, die Porno aus der Schmuddelecke holt und zum Sonderangebot im Supermarkt macht. In diesem gibt es noch viele andere Billigangebote für den Zeitgeist, Ballerspiele, Zocker-Ware, alles in der Flachseelen-Abteilung für Trumpeltiere zu finden, bunt und schrill dekoriert, der Stoff, aus dem die Träume der innerlich Verwahrlosen sind.

Wer glaubt, hier schreibt ein Pater Leppich, ein Ahnungsloser, der möge bitte in den Link rechts klicken („Eine Kugel fürs Leben“).

Aber jetzt muss ich den Schalter umlegen. Stilwechsel vom Wort zum Sonntag hin zu den Montagsthemen, in denen gespeutzt und gerotzt wird und außerdem die Lebensphilosophie eines Altkanzlers eine Rolle spielen soll. Bis dann.