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Montagsthemen (vom 15. April)

Am Morgen des Frankfurter Bundesliga-Sonntags. Nachher duellieren sich zwei Eintracht-Extrainer (Funkel, Kovac), und ein Neu-Frankfurter (Hütter) trifft auf Augsburg, Geburts-, Wohnort und Ex-Trainerstation eines sehr alten Frankfurter Bekannten (Veh).
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Es muss in der Nacht geschneit haben, der Gartentisch ist noch weiß befleckt. Die Sonntagszeitung fühlt sich klamm und kalt an. Themen-Anreißer auf der FAS-Titelseite: »Game of Thrones, die radikalste aller Serien, kommt zu ihrem Ende. Feuilleton, Leben.« Artikel also gleich in zwei Ressorts. Werde ich nicht lesen. Von dem, was ich über die enorm angesagte Serie weiß, habe ich die Nase schon voll.
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Sophie Passmann in ihrer Kolumne im Zeit-Magazin: »Die Serie besteht zu gleichen Teilen aus Vergewaltigung, Mord, Inzest und Schnee. (…) Ständig darf der Zuschauer Sex und Gewalt sehen, ohne sich als stumpfer Freund von Sex und Gewalt outen zu müssen. Game of Thrones schauen ist, wie sich morgens im Büro heimlich Schnaps in den Kaffee zu kippen, damit niemand merkt, dass man sehr gerne säuft.« – Alleine für diesen letzten Satz liebe ich diese Autorin. Und sie ist erst 25! Die Hoffnung lebt.
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Innere Verwahrlosung ist ein Merkmal der Zeit, Porno nur ein Symptom. Nicht das Problem an sich, denn Pornografie gab es immer, wird es immer geben, und ob sie Freude oder Ekel bereitet, ist Geschmacksache. Das Problem ist die wachsende gesellschaftliche Akzeptanz (von Internet bis, ja, Heimatzeitung), die Porno aus der Schmuddelecke holt und zum Sonderangebot im Supermarkt macht. In diesem gibt es noch viele andere Billigangebote für den Zeitgeist, Ballerspiele, Zocker-Ware, alles in der Flachseelen-Abteilung zu finden, bunt und schrill dekoriert, der Stoff, aus dem die Träume der innerlich Verwahrlosten sind.
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Breaking News reißen mich aus seelsorgerischem Sinnieren: »Hamilton gewinnt 1000. Grand Prix.« Vettel nur Dritter. Schade, weil Hesse und Eintracht-Fan. Sein Metier Nebensache. Für mich. Dann der Hammer: »WM-Aus für deutsches Fifa-Team – 0:9-Klatsche gegen Brasilien.« – Wie bitte? Revanche für unser 7:1? Ach so, E-»Sport«. Ab damit in den Supermarkt, Abteilung siehe oben.
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Apropos Hammer. Vorname Christine. Aus Dortmund. Sie verliert den »größten Frauenkampf der Boxgeschichte«. Ach ja, Frauenboxen. Ein Etappensieg der Emanzipation? Ich halte mich lieber raus, sonst geht’s mir wie den Wänden der ecuadorianischen Botschaft (Stichwort: Assange, Kot). Ich beobachte aber, wie sich meine durchaus emanzipierte liebste Zielgruppe mit Grausen abwendet (na ja, zugegeben: auch vom Männerboxen).
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Natürlich sind Frauen die besseren Sportler, zumindest menschlich gesehen. Vor allem im Fußball. Weil: Sie rotzen und speuzen nicht öffentlich. Aber warum spucken Männer so häufig und Frauen überhaupt nicht? Alte Frage, neu gestellt nach der ekligen Aktion jenes Stuttgarters, auf dessen namentliche Erwähnung verzichtet werden soll. Soziologisch gesehen, habe ich einmal gelesen, spucken vor allem jugendliche Männer aus tieferen sozialen Schichten. Psychologische Ursache sei eine Form von Männlichkeitswahn, darum spuckten Männer auch fast nur in der Gruppe. Wie im Fußball.
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Gerhard »Acker« Schröder, Altfußballer und -kanzler, hat als Abgedankter keine gute Presse. Obwohl er sich als Aufsichtsratsvorsitzender hingebungsvoll der Anti-Spuck-Aktion »Rotznet!« widmet. Ro… ach, nee, heißt ja Rosneft. Egal, jedenfalls hat man ihn weder auf dem Fußballplatz noch in sonstiger Öffentlichkeit jemals rumrotzend gesichtet.
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Mittlerweile spielt Schröder, 75, Golf. Obwohl dieser Sport, verrät er dem Spiegel, kein typischer Sport für ihn sei. Im Golf müsse man gegen sich selbst spielen, gegen sein Handicap. »Er brauche Gegner, sich selbst als Gegner zu sehen, sei ihm fremd. Das sei etwas für Selbstzweifler« (Spiegel-Autor Marc Hujer). – Ich habe im Sport nie gegen andere, immer nur gegen mich gekämpft. Jetzt weiß ich also, warum ich nicht Olympiasieger geworden bin. Noch nicht mal Kanzler. Nur »Rotznet!«-Aktivist.
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Aber vielleicht tue ich rotzenden Fußballern (selbst Gender-FundamentalistInnen verzichten da auf das Binnen-I) Unrecht. Exzessives Speuzen als Überlebensübung. Survival of the fittest! Beispiel Schützenfisch. Weil er im Wasser nicht genug Nahrung findet, spuckt er mit gezieltem Wasserstrahl Insekten aus der Luft und hält sich damit buchstäblich über Wasser. Was machen also die spuckenden Fußballer mit ihrem gewaltigen, projektilartigen Rotzen aus Nase und Mund? Sie trainieren frühzeitig für das Überleben in der nahrungsarmen Welt ihrer späteren fußballlosen Jahre. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)