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Sport-Stammtisch (vom 13. April)

Zweitwichtigstes vorneweg: Das Rückspiel ist machbar und 3:1 ein fast schon logisches Ergebnis, denn dafür sprechen das Eintracht-Herz und die Statistik, die einen Doppelpack und Doppelpakt schnüren. Beweis: Alle geschossenen Tore und alle Gegentreffer der Saison geteilt jeweils durch die Anzahl der Pflichtspiele ergibt welches Standardergebnis? Siehste!
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Na ja, zugegeben, ausgerechnet habe ich es nicht, nur über den Daumen gepeilt. Ist ja auch egal, Hauptsache 3:1. Aber bitte etwas besser auf das außergewöhnliche Bürschlein aufpassen! Noch so ne Zahl, die nur über den Daumen gepeilt war: Angeblich waren 3200 Frankfurter Fans in Lissabon. Nur? Nicht mitgezählt wurden die spontan Hinzugereisten. Mein Gewährsmann ist mit einem Kumpel am Mittwoch um Mitternacht nach Brüssel gefahren und von dort günstig nach Lissabon geflogen. Ähnlich wie viele andere. Geschätzt waren, sagt er, insgesamt über 5000 Eintracht-Fans vor Ort.
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»Vor Ort«? Kreuzworträtselprofis wissen, woher der Ausdruck kommt (»Ende einer Abbaustelle unter Tage«). Aber ich will nicht vorzeitig abschweifen. Auch der geschnürte Doppelpack, bei dem Sprachempfindliche Pickel kriegen, kommt erst später dran. Noch mal kurz zu meinem Gewährsmann, der mein Gewährssohn ist. Er gehört zu den Edel-Fans, die schon vor einem Vierteljahrhundert im UEFA-Pokal vor Ort waren. Im Waldstadion. An meiner Hand.
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Mit dem 3:1 lehne ich mich expertenmäßig weit aus dem Fenster. Aber jetzt zum Wetter. »Dieser Kaltlufttropfen vermasselt uns das Sommerfeeling«, unkt die Bild-Zeitung. Ja, ganz schön kalt draußen. Aber selbst im 20 Grad warmen Lissabon gab es eine kalte Dusche, kurz und ortsgebunden. Kaltlufttropfen? Da war doch mal was? Ich gebe das Stichwort ein, und prompt meldet mir das gw-Archiv, dass ich schon vor 13 Jahren eine komplette »Anstoß«-Kolumne dem morgens »umherirrenden Kaltlufttropfen« gewidmet habe, der Meteorologen abends zu Hinterherbesserwissern macht. Damit würden sie Fußball-Experten vor und nach dem Spiel ähneln … wenn sie nicht doch eine deutlich bessere Trefferquote hätten.
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Nach dem nur Zweitwichtigsten zu, natürlich, Dirk Nowitzki. Alle Loblieder sind gesungen,und alle haben eingestimmt. Ich summe beseelt mit. Welch ein großer Sportler! Ist er auch der größte deutsche Sportler aller Zeiten? Müßig, darüber zu diskutieren. Schmeling, Beckenbauer, Boris, Steffi, Fritz Walter … da verbietet sich der Superlativ. Im Komparativ behaupte ich aber: Einen größeren deutschen Sportler gibt es nicht, gab es nie. Nowitzki steht auf dem mehrfach geteilten Platz eins. Jeder wäre gerne sein Freund. Nicht, weil er reich und berühmt ist, sondern weil er … einer wie Dirk ist.
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»Ein Sportler stirbt zwei Mal«, sagt Nowitzki. Ein Sportler hat aber auch den Vorteil, dass ihm nach dem ersten Tod Wiederauferstehung gewiss ist. Möglicher Nachteil: Nach der Seelenwanderung könnte er sich wie im falschen Film vorkommen. Pleite, vergessen, ganz unten, erst von falschen, dann von allen Freunden verlassen. Auch als Fußballprofisyndrom bekannt. Dieses Schicksal droht unserem Wunschfreund ganz gewiss nicht. Nicht, weil er zu reich dazu wäre. Weil er zu sehr Dirk Nowitzki ist
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Rührungstränchen abgewischt. In den Abschiedstexten sind immer wieder Sätze zu lesen wie dieser: »Mit Dirk Nowitzki verabschiedet sich der bedeutendste deutsche Athlet vom aktiven Sport.« Ja, wer denn noch? Wer verabschiedet sich zusammen mit Nowitzki? Ein geschnürter Doppelpack der ganz anderen Art.
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Jetzt ernsthaft. Rassismus. Moise Kean von Juventus Turin, dunkelhäutig, schießt ein Tor und triumphiert mit ausgebreiteten Armen vor der Kurve der Cagliari-Fans, die ihn beleidigen, mit Affenlauten und ähnlichen Primitivitäten. Keans Mannschaftskollege Leonardo Bonucci, weißhäutig, meint spontan, Kean habe sich das durch seine Provokation zum Teil selbst zuzuschreiben. Und schon bricht ein Kot-Orkan aus, Bonucci rudert verschreckt zurück, ist aber als Rassist abgestempelt.
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So weit, so schlecht. Oliver Kahn, weißhäutig, wurde gerne mit Bananen beworfen und Affenlauten verhöhnt. War das auch Rassismus? Natürlich nicht. Nur armselig und brummsdumm. Warum werden Affenlaute sofort mit dunkelhäutigen Menschen assoziiert? Weißhäutige, die nach solchem Gegrunze wie bei Kean instinktiv »Rassismus« rufen, sollten wissen: Ihr »positiver« Rassismus ist auch … rassistisch.  Dunkelhäutige sollten mehr Selbstbewusstsein zeigen. Wen außer sich selbst verhöhnen die? Lasst es abtropfen wie Kahn. Verachtung den Verächtern. Aber notfalls, wenn es wirklich ernst wird, könnt ihr mit meiner Solidarität rechnen.
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In diesem Zusammenhang: In der steinalten Kolumne über umherirrende Kaltlufttropfen notierte ich: »Abends Zappen. Rote, Grüne, Schwarze, Gelbe streiten, wer an den neuen Braunen schuld ist. Dass sie alle schuld sein könnten, lässt ihr palaverdemokratisches Selbstverständnis nicht zu.« Immer noch aktuell? Mehr denn je. Aber das ist ein anderes Thema und hat mit Sport … Sie wissen schon (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)