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Montagsthemen (vom 18. März)

Seit Wochen stand auf meinem Montagsthemenzettel die Drei-Wörter-Kombi »Ferrari/Mercedes/Déjà-vu«. Weil die Vorausberichte und Prognosen bis aufs Haar denen vor einem Jahr glichen. Dann machte es gestern pffft, die Luft war raus, und Mercedes liegt wieder weit vorn. Ich hätte also den großen Besserwisser spielen können. Wie beim BVB. Da stand seit Tagen auf dem Zettel, dass in Berlin die Vorentscheidung fallen werde. Für die Bayern. Und dann hält Reus am Schluss den Fuß hin, genialer als der geniale Fußhinhalter Alex Meier. Bei dem und St. Pauli scheint die Luft auch raus zu sein, exakt seit mir hier montagsthematisch geschwant hatte, er sei »drauf und dran, St. Pauli in die Erstklassigkeit zu schießen«.
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So viel zu meinen Fähigkeiten als oberschlauer Sportkenner. Womöglich startet sogar Vettel noch durch. Ich würde es ihm gönnen. Nicht wegen der Formel 1, die interessiert mich nicht. Sondern alleine wegen Vettel, weil er ein prima Junge zu sein scheint. Hesse und Eintracht-Fan ist er obendrein. Besser geht’s nicht.
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Haben Sie Ibisevic gesehen? Ungerechte Sportwelt. Wird vom Platz gestellt, weil er Bürki aus zehn Metern den Ball an den Kopf geworfen hat. Beim Völkerball hätten sie ihn auf den Schultern vom Platz getragen.
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Aus dem Spaß wird ernst, und Ernst lernt jetzt … nee, heute keine pubertären Witzchen. Wirklich ernsthaft: In den Mutmaßungen und Analysen über das deutsche Champions-League-Desaster, vornehmlich des FC Bayern, überwiegt selbst bei dem nicht zu populären medialen Schnellschüssen neigenden Christian Eichler (gestern in der FAS) die Meinung, der Klub der »Mutlosen« habe »jedes Risiko auf dem Transfermarkt« vermieden. Also nicht genug Geld ausgegeben und zudem nicht in die richtigen Leistungsbringer investiert. In meinen Worten interpretiert: Wer absehbar mit der eigenen Leistungsfähigkeit nicht konkurrenzfähig ist und dennoch keine Fremdleistung einkauft, ist selbst schuld, wenn ihm »die Konkurrenz in der Champions League im Schnellzug davon« fährt. Ziemlich treffende Definition des Wortes »Doping«. Vulgo: Wer nicht dopt, kackt ab.
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Immerhin hat der Fußball den Glaubwürdigkeitsvorteil, dass er dieses De-facto-Doping de jure erlaubt, ja als Erfolgsrezept vorschreibt. Aber ich will nicht auf meinem alten Gaul rumreiten, der hat sein Gnadenbrot verdient. Außerdem würde ich auf ihm in eine nicht existiert habende glorreiche Vergangenheit traben, von allen von oben herab, also auf der Höhe der Zeit, verhöhnt und verlacht. It’s the football, stupid!
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Ich glaube, einer wie Klopp verstünde mich. Aber er kämpft nicht gegen Windmühlenflügel, sondern rotiert mit ihnen und beugt sich der normativen Kraft des Faktischen. Ach ja, Kloppo. Je größer sein Nimbus, bei desto mehr Klubs wäre er beinahe Trainer geworden. In Hamburg war es eine zerrissene Jeans, in München Klinsmann – und nach meiner exklusiven Recherche auf Schalke die BVB-Kappe, beim DFB die Kodderschnauze, in Hannover das Haar-Implantat (dort muss man einen Kind im Ohr haben), in Wolfsburg die Automarke, bei der GroKo das Geschlecht und beim Vatikan einfach alles. Außer dem Gottvertrauen. Aber das gilt dort sogar als Malus.
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Champions-League-Titel nicht unter einer Milliarden-Investition, aufgeblähte Klub- und Länder-WM, vorzugsweise in Nur-Profit-Ländern fantastillionär-despotischer Grundstruktur, geklonte Kicker im E-»Sport«, diesem elektronischen Tipp-Kick, angesagter als die Originale (oder sind auch das nur Imitate?) – denke ich an Fußball, nicht nur in der Nacht, kommt mir ein Bild vor Augen, das berühmte Gursky-Foto der Chicagoer Börse. Ein ameisenhaftes Menschengewimmel »zeigt das entscheidende Schlachtfeld unserer Zeit« (Zeit). Hunderte von Menschen alleine in Chicago, hoch bezahlt, rastlos tätig – aber womit? Keiner produziert etwas (nicht einmal Kolumnen  …), keiner heilt, keiner repariert, lehrt oder pflegt, aber jeder von ihnen verdient mehr Geld als 99,5 Prozent der Weltbevölkerung. Sie säen nicht, sie ernten nur.
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Sind die Lemminge des Fußballs der Zeit  nur voraus, stürzen sie blindlings über die Klippe? Ach, selbst diese Metapher für den schicksalhaften Drang zum Untergang ist ein schiefes Bild, seit ihn ein Disney-Film im Jahr 1958 mit eindringlichen Aufnahmen »bewiesen« hat. In Wahrheit kennt die freie Natur keine Massenansammlung von Lemmingen – die Disney-Filmer hatten ein paar der Tiere eingekauft, sie auf eine rotierende Drehscheibe gesetzt und so geschickt gefilmt, dass der Eindruck einer panikartigen Massenflucht entstand.
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Auch das noch: Einst war ich verknallt in das »Engelchen oder die Jungfrau von Bamberg«. In dem Film aus den Sechzigern zeigte »Engelchen« Gila von Weitershausen kurz den nackten Rücken. Wie aufregend! Heute gucken Elfjährige brutale Pornos auf dem Tablet. Gila von Weitershausen wird in dieser Woche 75. Wie isses bloß möglich? Für mich sind das Fake-News.
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)