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Sport-Stammtisch (vom 16. März)


Literaturhistorisch ist »Das Leben ein Traum« (Calderon) oder »Der Traum ein Leben« (Grillparzer). Jetzt gibt es eine dritte Variante, die fußballhistorische: »Wir leben unseren Traum« (Eintracht-Fans). Und er lebt weiter. Es begann mit dem nicht enden wollenden Lauf von Gacinovic in Berlin, und er läuft und läuft und läuft und führt … ja, wohin, führt er? Nach Baku?
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Italien-Reisende kennen den »Giro«, den obligatorischen Spaziergang abends kurz vor acht, wenn sich die Straßen plötzlich mit umherwandelnden Familien füllen, um eine Stunde später wieder menschenleer dazuliegen. Am Donnerstag blickten die Italiener bass erstaunt auf einen Monster-Giro, als zigtausend vorfreudige Eintracht-Fans, friedlich und gut drauf, vor der erhabenen Kulisse des Mailänder Doms über die Piazza del Duomo spazierten.
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Arme Bayern-Fans. In Mailand preschten Frankfurts »Itsche« wie Irr- und Derwische ruff unn runner, einfach fantast-ic, dagegen wankten in München Untote über den Platz, und auf den Rängen wollten sie die Stimmung mittels einer Megafon-Anlage in der Südkurve künstlich aufdrehen. Jetzt benötigen sie chemische Stimmungsaufheller.
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In München wird die Grillparzer-Variante aufgeführt, denn in dessen Märchen entwickelt sich der Traum zum Alptraum. Ach was, nicht nur München, ganz Fußball-Deutschland versinkt in einem Alptraum. Denn so sind wir nun mal gestrickt: Entweder himmelhoch »Schland«-jauchzend, oder zu Tode betrübt.
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Aber macht mal halblang. Beispiel Bayern und Kovac. Die Süddeutsche Zeitung, das dortige Lokalblatt, gibt in mehreren tiefschürfenwollenden Artikeln dem Trainer die Schuld. Haupt-Schlagzeile: »Pizza alla Kovac«. Das Bild soll sagen: Der Trainer hat die besten Zutaten, kriegt sie aber nicht richtig gebacken. Aber nun stellen wir uns einmal vor, Neuer irrt nicht hinaus, und der FC Bayern setzt in Halbzeit zwei fort, was er kurz vor der Pause begonnen hatte. Die SZ, und nicht nur die, hätte Kovac als Trainer-Fuchs gefeiert. Ich denke da an die Halbzeit-Analysen bei Sky. Und bei Ihnen vor dem Fernseher auch, oder?
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Keine Frage, der FC Bayern München steht wie die deutsche Nationalmannschaft überreif und behäbig am Ende einer erfolgreichen Epoche. Vielleicht wird man sie einmal die Schweinsteinzeit nenne, die mit einem Sturm-und-Drang-Basti begann und dem heroischen Finalkämpfer Schweinsteiger endete. Aber DAS ist zum Glück noch nicht »Der Untergang des Abendlandes«, wie ihn Oswald Spengler vorausgesagt hat. An dem arbeiten bei uns ganz andere Kräfte. Aber das ist heute nicht unser Thema.
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Unseres ist der Fußball. Und da haben die Briten ihren Brexit fatal missverstanden. Kein Wunder, dass dieser Alptraum noch länger dauern wird als unser ausschweifender hessischer Glückstraum. Ihr solltet doch raus aus der CL und drinbleiben in der EU, nicht umgekehrt!
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Aber ernsthaft: Bei all den mehr oder weniger gescheiten Nachbetrachtungen kommt mir der Respekt vor der Leistung der Sieger zu kurz. Manés beineverheddernde Drehung, der Rammstoß des fliegenden Holländers und Salahs Zuckerpass aus dem »Handgelenk« – allererste Sahne! Wie auch tags zuvor die Sahne-Leistung des jungen Deutschen mit der Betonung auf der zweiten Silbe. Der wird uns noch viel Freude bereiten. Mit oder ohne Löw.
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Den Faktor Klopp habe ich noch gar nicht angesprochen. Dass über die Hälfte aller Deutschen nicht den Bayern, sondern Liverpool die Daumen gedrückt hat, liegt nicht an der verbreiteten Aversion gegen den FCB, sondern an der Kloppo-Begeisterung. Ihn gut zu finden ist Mainstream, selbst in fußballintellektuellen Kreisen. Da paddele ich mal wieder gegen den Strom: Haben Sie den Mann mit Hut gesehen? Franz Beckenbauer im Sky-Interview. Das Studio-Publikum ehrte ihn mit Standing Ovations. Die kritische Presse reagierte ungehalten und erhob den moralischen Zeigefinger. Von mir bekäme er eine stehende Ovation.
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Für Ronaldo würde ich nicht aufstehen, obwohl seine sportliche Leistung ganz und gar außergewöhnlich ist. Aber ansonsten … wenn er sich an die, sorry, Eier greift und hengstartig protzt, greife ich mir an den Kopf. Vor allem weil Simeone, den er imitiert hat, ihn und sich sogar lobt: »Ihm ging es genau wie mir darum, Charakter zu zeigen.« Charakter? Man stelle sich bloß vor, eine Frau würde mit der gleichen Geste triumphierend mit ihrem Busen protzen. Nee, unvorstellbar. Frauen sind wohl doch die angenehmeren Menschen. Meistens.
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Apropos Busen. Als die Welt der alten weißen Männer noch in Ordnung war, wurde der französische Dichter Gustave Flaubert beim Anblick eines weiblichen Torsos auf der Akropolis schier narrisch vor Begeisterung: »Was für Titten! Bei Gott! Was für eine Brust!«
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Anderes Extrem. Kürzlich klagte eine Journalistin im Interview, sie werde immer auf ihren großen, offenbar sehr großen Busen reduziert. Sinngemäß: Eine großbusige Frau habe das Recht, auch mit einem Dekollete bis zum Nabel von männlichen Blicken auf ihren Busen verschont zu bleiben. Was würde bloß Flaubert dazu sagen? Ich sag da mal … lieber nichts. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)