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Montagsthemen (vom 14. Januar)

Seltsam, im Nebel zu wandern, im nieselnden Dauerregen auf den Bergen über Lahn und Dill durch die Schwaden zu stapfen, Matsch an den Schuhen, klitschenass, einen Hügel weiter den grasgrünen Hang zu wissen mit dem einsamen, unbeschäftigten Skilift, und draußen im Land, weiter südlich,  herrscht Schnee-Chaos. Klingt  fast nach Fake News.
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Auch in Obertauern sind sie eingeschneit, und schon wandern die Gedanken dorthin zurück, eine Million Jahre vor unserer Zeit, als wir beim Uni-Skikurs ebenfalls eingeschneit waren, was aber niemanden interessierte, denn wir wollten ja nicht weg von dort. Damals war’s, als ich in der Großraum-Hütte irre Fake News las, von einem Ami, der rückwärts über die Latte sprang, welch ein Blödsinn, ihr glaubt aber auch alles … und ein paar Monate später wurde er Olympiasieger und mit seinem Flop unsterblich.
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Über 50 Jahre ist es her. Vor ungefähr genauso vielen Jahren habe ich Jürgen und Kurt kennengelernt. Jürgen als Spieler in einer gegnerischen Jugendmannschaft, Kurt als Trainer junger Leichtathletinnen, die wir oft bei Wettkämpfen trafen. Dieser Tage, oben auf demselben Hügel, sehe ich zwei ältere Männer, offenbar auf Walking-Tour, da mit Stöcken, ich komme näher … die kenne ich doch … es sind die beiden nun sehr alten Jungs von damals. Aus Jürgen wurde der Handball-Zampano »Doc«, der als Lützellindener Frauentrainer die deutsche Szene aufmischte, aus Kurt ein Urgestein der hessischen Leichtathletik. Der Handball-Trainer, der Leichtathletik-Macher, der ehemals handballernde Leichtathlet. Nach über einem halben Jahrhundert Zufallstreffen von drei alten Zauseln. Sachen gibt’s. Seltsam, im Nebel zu wandern.
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Und da Handballzeit im Handkäsland ist und kein Fußball weit und breit, bleiben wir bei der »brutalen Freizeitbeschäftigung für Grobmotoriker, bei der man nur feste werfen muss«, wie ein Wochenblatt für geistige Feinmotoriker mal über uns schimpfte. Das weckte am Samstag nach der Lektüre des Sport-Stammtischs bei Dr. Hans Jürgen Glaum masochistisch-selige Erinnerungen »an alte Handball-Erlebnisse bei meinem Verein TSV Langgöns«. So denkt er beim Stichwort »feste werfen« daran, »dass unser wuchtiger Stürmer-Kraftprotz Hugo Ohly bei einem Feldhandball-Heimspiel mit einem gewaltigen Wurf den gegnerischen Torquerbalken zertrümmerte«. – Respekt!
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Schmerzliche Erinnerung von Althandballer Glaum an ein Spiel in der Volkshalle (»Miller-Hall«), »in dem mir ein Gegenspieler ohne Absicht das Nasenbein zertrümmerte. Da ich nicht sofort das Spielfeld verließ, weil ich noch einen Siebenmeter verwandeln wollte, bildete sich auf dem Parkettboden eine ansehnliche Blutlache, die dazu führte, dass der Hausmeister mich unter Androhung von Gewalt brutal vom Spielfeld jagte. Ich wurde dann in die Chirurgische Uni-Klinik gebracht. Die Nase wurde mit einer Inaktin-Kurznarkose gerichtet. Dieses Mittel hatte eine Doppelwirkung: Ich wurde während der Narkose ständig von Panzern überrollt, und danach musste man mich davon abhalten, die OP-Schwester unsittlich anzugehen – peinlich, peinlich« (kompletter Text in der »Mailbox« des gw-Blogs »Sport, Gott & die Welt«).
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Aua. Meine Zeit als Handballer endete ebenfalls in der Volkshalle. Nach einem Foul beim Sprungwurf stürzte ich auf das Knie des Torwarts und konnte mich nicht mehr rühren. Auch ich ab in die Klinik, wo mir aus unerfindlichen Gründen ein in diesem Moment scheinbar rohrdicker Katheter durch mein bestes Stück eingeführt wurde. Ohne Betäubung. Ein lebenslanges Trauma. Trotz der Entwarnung. Es drückte nur ein Bluterguss auf die Wirbelsäule.
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Zurück in die Gegenwart. Da blicken wir  alten Handballer verwundert auf die überbordende Euphorie im wie immer nur temporären Handball-Deutschland. Leute, die WM hat doch noch gar nicht begonnen! Korea und Brasilien, das war nur der Prolog, der jenem in der Tour de France gleicht und für das Finale ähnlich wenig aussagt.
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Aber ich sollte mich raushalten. Kenne ja kaum noch die geltenden Regeln. Fast bei jedem Angriff, jedem Sprungwurf in den Kreis  sehe ich Schritt- oder Fußfehler. Oder hat der Zahn der Zeit mir einen Knick in die Optik genagt? Egal wie: Nun siegt mal schön weiter.
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Der Zahn der Zeit nagt auch an Alex Meier, Mats Hummels oder Jerome Boateng. Drei verdienstvolle Fußballer, reflektierter als viele in ihrer Branche. Ganz zu schweigen von Dirk Nowitzki. Ausgebrannt, der Körper signalisiert: Ich kann nicht mehr. Der Kopf ignoriert den Hilfeschrei. Meier, der genialste Fußhinhalter mit der Innenseite, glaubt trotzig: »Toreschießen verlernt man nicht.« Hummels jongliert mit Statistik-Zahlen, schießt dabei aber ein Eigentor. Auch Boateng pfeift im eigenen Wald. Nur Nowitzki macht sich nichts vor, er weiß, dass er aus dem gleichen Grund weitermacht wie die anderen, die das noch nicht wahrhaben wollen: Weil alles, was nach dem Sport kommt, nicht mit dem zu vergleichen ist, was vorher war. Der große Dirk setzt sich klaglos auf die Bank und wird bei Bedarf eingewechselt, um der Mannschaft zu helfen (bei ihm keine Floskel). Für Hummels, Boateng und Meier ist das noch keine Option. Letzterer immerhin eine Klasse tiefer. Dort trägt er sogar die Hoffnungen einer ganzen Region. Aber auch in Liga zwei reicht Fußhinhalten nicht mehr, fürchte ich.
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Vier große Sportler, tolle Typen, sympathische Charaktere, kluge Jungs. Hoffentlich können sie sich später einmal sagen: Die Ehrenrunde, sie hat sich dennoch gelohnt. Trotz der finalen Plackerei. Ich drücke ihnen dafür die Daumen. Aber erst mal den Handballern. Für die kommenden Etappen der höheren Kategorie. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)