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Sport-Stammtisch (vom 12. Januar)

Also Handball. Wer Handball spielt, ist »nahezu immer sympathisch«, unser mittelhessischer Lieblingssport macht »charakterstark«, und »in einer Minute Handball passiert mehr Kluges als an einem ganzen Spieltag der Fußballbundesliga«. Schreibt die Autorin Sophie Passmann in der Zeit zur Einstimmung auf die WM 2019.
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Im Handkäsland glauben wir zwar der Liebeserklärung einer Ex-Handballerin, aber nicht der Zeit, denn das Blatt veröffentlicht den Text in hinterher eilender Schleimerei wie auf einem Ablasszettel, der alle Sünden vergeben soll. In der Einstimmung auf die EM 2016 war Handball in der Zeit noch ein Sport für »Bauerntölpel« mit »100 Prozent kartoffeldeutscher Leistungsbereitschaft«, eine »brutale Freizeitbeschäftigung für Grobmotoriker«, ein Sport, bei dem man hauptsächlich »feste werfen muss, und anscheinend wirft man besonders fest in der deutschen Provinz.«
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Kartoffelköppe vergeben nicht! Außerdem sind die Zeit-Redakteure feige Gesellen, die den Verriss von 2016 einen männlichen Artgenossen schreiben ließen, 2019 zur Wiedergutmachung aber eine Frau vorschicken. Nicht manns genug also. Na ja, sonst hieße derzeit Die Zeit auch Der Zeit.
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Sorry. Arger Kalauer. Womöglich hat Die Zeit aber erneut ein Eigentor geschossen. Warum wurde Sophie Passmann Handballerin? Sie suchte »ein cooles Hobby und ging nach dem Ausschlussverfahren vor. Die Pferdemädchen waren langweilig, die Fußballjungs waren Idioten, und Tennis war aus Reputationsgründen ausgeschlossen, nur Schnösel spielten Tennis.« – Wir warten auf die Kot-Orkane aus Richtung Reiten, Fußball und Tennis.

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Auch der Spiegel versucht sich zu Ehren der WM an einer Handball-Eloge. »Ein viriler Sport, geprägt von Modellathleten bis hin zum Kraftprotz am Kreis.« Aber dann das: »Handball ist ein Sport, der während des Spiels wenig Muße lässt, über die Dinge des Lebens nachzudenken.« Und: Zuschauer sollten »einen Regenschirm mitnehmen, weil das Testosteron in der Halle nicht mit der Gießkanne, sondern gleich mit dem Eimer ausgeschüttet« wird. »Schöngeister sollten sich anderswo umtun.« Also doch nur was für auch geistige Grobmotoriker?
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Einspruch: Als Handballer nahm ich mir immer Zeit für die Muße, über die wichtigsten Dinge des Lebens nachzudenken. Jedes Mal, wenn ich ganz feste geworfen und der Torwart dennoch gehalten hatte, trabte ich langsam zurück, über dieses momentan wichtigste Ding des Lebens sinnierend, während gerade ein Gegentor fiel, weil ich in der Muße des Nachdenkens nicht schnell genug zurück auf meiner Deckungsseite war. Gegen das, was die anderen mir dann an testosterongetränkten Virilitäten an den Kopf warfen, hätte auch ein Regenschirm nicht geholfen.
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Noch einmal zur Zeit. Vor drei Jahren beschimpfte der Autor die Handball-Nationalmannschaft auch als »gesellschaftlich-politische Alternative für Deutschland«, da niemand mit Migrationshintergrund im Team stand (»wenn Fußball Merkel ist, ist Handball Petry«). Hübsche Antwort damals auf handball-world.com: »Dieser Logik folgend wäre im Handball übrigens Katar Integrationsweltmeister, vielleicht erklärt dir das jemand aus der Sportredaktion.«
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Und damit auf nach Katar, zum Integrationsweltmeister. Selbst Bayern München ist hier bestens integriert, seit Franz Beckenbauer dort keine Sklaven gesehen hat. Allerdings meldet Bild online aus Katar: »Kovac trainiert die Bayern platt.« Pro Trainingseinheit zwei Stunden, und das bei dieser völlig unerwarteten Hitze! Für Fußballer unmenschlich. Für Handballer wär’s aktive Erholung. Für Bild ist für den einen Fall der beiden Fälle der Schuldige schon gefunden. Alternativ-Schlagzeile für den zweiten Fall: »Kovac trainiert die Bayern stark.«
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Sogar Franck Ribery wird in Katar reintegriert. Im Training musste er allerdings pausieren. Muskelzerrung. Also nicht, weil er sich am Gold-Steak verschluckt hätte. Dazu heute nur noch eine abschließende Information von Winfried Ertl aus Friedberg, der »selbst schon Speisen vergoldet« hat: »Der Goldwert des Steaks liegt höchstens bei 40 Euro. Ein Goldplättchen in der Größe 8×8 cm ist nur 0,000125 mm dünn (1 mm Stärke entsprechen also 8000 aufeinander gelegten Goldplättchen).« Unser Leser, der die Kolumne »wieder mit Vergnügen gelesen hat«, soll auch das Schlusswort zur Affäre haben: »Ist das alles dekadent? Da kann man geteilter Meinung sein. Die, die sich aufregen, haben ihm das alles erst ermöglicht (indirekt, durch die extrem hohen Gehälter der Stars).«
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Auch Jürgen Quurck aus Wissmar hatte Vergnügen an der »köstlichen, alterspubertären Frühstücksunterhaltung« und bedankt sich »mit tiefradelnden Grüßen«. Tiefradelnd? Da macht es Klick, ich erinnere mich und habe Vergnügen an der Nachhaltigkeit von »gw«-Kolumnen. Im Jahr 2003 n. Chr. schrieb ich: »Wissenschaftlich nachgewiesen sind Erektionsstörungen bei Hobby-Langstreckenradlern. Ungefährlich sei nur Liegendradfahren. Dann lieber impotent.« Denn damals hegte und pflegte ich das Vorurteil, dass Menschen, die im Liegen radfahren, keinen Humor haben, sondern ökopenetrante, oberverbissene, arrogante und müslifundamentalistische Allesbesserwisser sind.
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Man gönnt sich ja sonst kein Vorurteil. Und dann wurde es auch noch gekippt, und zwar, Sie ahnen es, schon 2003 von Leser Quurck: »Viel Ahnung vom liegend Radfahren scheinen sie wenig zu haben. Denn was kann so schlimm am Liegerad sein, dass man lieber impotent wird? Im Gegenteil, ich find’s so geil, dass ich fast drauf verzichten könnte, wozu Potenz nötig ist.« – Nie wieder hetzte ich gegen Liegendradler. Auch 16 Jahre später nicht.
Nicht mal im altpubertären Jux. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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