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Sport-Stammtisch (vom 5. Januar)

Steile These aus den Tiefen von Raum und Zeit: »Die Winterpause schadet dem Image der Bundesliga.« Weil wir uns in diesen Tagen die ganz und gar großartige Premier League reinstreamen können. Die Spiele auf der Insel seien derart intensiv, das Tempo so hoch, dass man »sehr schnelles Internet braucht, um überhaupt folgen zu können«. Hübsches Bild. Aber was ist dran? »Where’s the beef?«, wie 1984 ein US-Präsidentschaftskandidat gefragt wurde, der nebulöse Antworten gab – und dank »Where’s the beef« schnell weg vom Fenster des Oval Office war.
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Auf das, worauf die Zeit kommt, muss man erst einmal kommen können. Der ständige Singsang der Ultras lulle die Bundesliga-Spieler ein. In England gäbe es das nicht, das Publikum übe ständig Druck aus, es schweige, wenn es langweilig wird, und ein »kurzes kollektives Murren kann schon bedrohlich wirken und zu neuem Angriffsschwung antreiben.« In der Bundesliga dagegen lähme der »vom Spielverlauf abgekoppelte Dauersingsang« Spieler und Spiel, dessen Rasanz und Niveau.
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Was einem in der journalistisch lästigen Bundesliga-Pause so alles einfällt. Mir zum Beispiel Tina York, die einst sang: Sie halten sich für die Klügsten der Welt / Oh, wie sind sie klug / Für sie gilt nur das, was ihnen gefällt / Welch ein Selbstbetrug. Zu Tina York fällt mir auch noch ein, dass ihre Schwester Mary Roos heißt, die in der Nähe von Wetzlar wohnt, dass Wetzlar ein Schlager-Hotspot war, denn auch Ted Herold, der »deutsche Elvis«, ist dort heimisch geworden, jener Ted Herold, den ich im Wetzlarer »Roten Salon« sichtete, als meine Abi-Klasse dort feierte, und ihm aus angetrunkenem Daffke ein Autogramm abpresste. Auf einem Bierdeckel. Und noch eins. Und noch eins. Für jeden Mitschüler eins. Abzulehnen traute er sich nicht. Wie wir johlten, als wir die 22 Bierdeckel fliegen ließen! Wie ich mich tags darauf schämte!
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Immer noch peinlich. Zurück zu den Ultras. Womöglich nehmen sie Tina Yorks alten deutschen Schlager in ihr Stadion-Repertoire auf, denn der Beginn des Liedes (siehe oben) mag vergessen sein, doch den Refrain können wir alle noch mitsingen: »Wir lassen uns das Singen nicht verbiee-hiee-ten / Das Singen nicht und auch die Fröhlichkeit. Außerdem könnten nach den kommenden deutsch-englischen Fußball-Festwochen neue Steilvorlagen aus den Tiefen von Raum und Zeit nötig sein.
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Immerhin ist die These der Zeit so originell und anregend, dass sie mich sogar in den »Roten Salon« zurück gebeamt hat. Und dass man »sehr schnelles Internet braucht, um überhaupt folgen zu können«, ist eine hübsche Formulierung, die mir gerne selbst eingefallen wäre. Ein bisschen dumpf dagegen die Schlagzeile des sonst so nüchternen, streng sportlichen Fachblatts Kicker: »Erste Pleite für Liverpool.« Im 21. Spiel die erste Niederlage, auswärts, knapp, umkämpft, beim großen Pep-Klub – und das ist gleich eine »Pleite«? Klopp hatte ähnliche Schlagzeilen schon vorausgesagt, da galt Liverpool als So-gut-wie-Meister. Er ist halt ein echter Medien-Profi und Medien-Kenner.
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Bleiben wir noch kurz in England. Sané schießt das Siegtor, und Özil hat in seiner Karriere 1033 Pässe geschlagen, die zu echten Torchancen führten (Stand: Oktober 2018), so viele, wie noch niemand seit Einführung der Statistikerei (zum Vergleich: Messi 861, Ronaldo 695). Sané und Özil, Löw und der DFB, die WM und die deutsche Pleite (das war wirklich eine!). Alles hängt mit allem zusammen.
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Meistens mischt aber eine Frau im Hintergrund mit (»Cherchez la femme!«). Nicht so beim WM-Desaster. Daran waren zwar viele beteiligt, aber Frauen wurden nicht gesichtet. Doch sind Frauen wirklich die besseren Menschen? Zwar tendiere ich angesichts meiner liebsten Zielgruppe zu dieser Theorie, doch in letzter Zeit häufen sich Irritationen. Nicht wegen Frau Naldos Schimpfe-Tweet gegen Tedesco, in Wahlverwandtschaft mit Frau Müllers Watsch’n für Kovac. Das war männlich und menschlich allzu verständlich, ja zwingend für eine liebende Ehefrau (beider Tenor: Mein Männe ist der Beste, und sein Trainer hat keine Ahnung). Was mich aber echt schockt: Die älteste Frau der Welt ist gar nicht die älteste Frau der Welt, sondern die Tochter der ältesten Frau der Welt. Sie hat, wollen neue Recherchen ergeben haben, aus Gründen des schnöden Mammons (Erbschaftsangelegenheiten) und ewigen Ruhms (Buch der Rekorde) den Tod der Mutter verheimlicht, deren Identität angenommen und war daher, als sie starb, nicht echte 99, sondern geschummelte 122 Jahre alt. – Sensationell aber ihr neuer Rekord. Zwar wird die Dame aus der Liste der ältesten Frauen der Welt gestrichen, aber in einer anderen Kategorie steht sie einsam vorne: Sie ist die erste Frau der Welt, die sich älter gemacht hat, als sie ist.
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War das ein Männer-Witz? Weiß nicht. Wie geht denn ein echter Männer-Witz? Vielleicht so: »Männer schlagen eher, aber Frauen provozieren. Mit ihrer subtilen Gewalt machen Frauen oft genug aus ihren Männern und Söhnen Täter.« Ist aber kein Witz, sondern die Meinung der Psychoanalytikerin und Gerichtssachverständigen Hanna Ziegert (Quelle: SZ).
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Wenn das so ist, war die gegen mich ausgeübte Gewalt als Sohn und Mann derart subtil, dass ich sie als grober Klotz nie als solche erlebt habe. Daher auch nie gewalttätig geworden bin. Nicht mal subtil. Oder? Wie war das im »Roten Salon?« Weiß nicht mehr. Denn in der Ferne höre ich nicht Mary, Tina oder Ted singen, sondern Freddy Quinn: Vergangen, vergessen, vorüber / Vergangen, vergessen, vorbei / Die Zeit deckt den Mantel darüber / Vergangen, vergessen, vorbei. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)