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Mittwoch, 2. Januar, 17.50 Uhr

Während einer Autofahrt in die Stadt flog mir das Thema für die nächste Kolumne in meinem „progressiven Alttag“ zu. Sex im Alter, bzw. die Segnungen des Alters, zu denen der entspannte Blick auf dieses seltsame Phänomen gehört, das mittels Hormonen aus Männern radschlagende Pfauen und  brünftige Hirsche macht, aus hormonlos harmlosen Hasen kopflose Rammler, und alles zwischen faeces et urinam, wo ja nicht nur nascimurt wird, sondern sich auch sonst fast alles … Sexistische wäre das falsche Wort, Sächsische auch, aber so ähnlich, also: … Sexische abspielt. Das alles will ich ohne Schlüpfrigkeiten und schenkelschlagende Primitivwitze schreiben, kitzlig wird es dennoch, zum Beispiel wenn ich an das Stichwort denke, das mir im Auto ebenfalls zugeflogen ist: Ältere Frau, vom Leben auch figürlich gezeichnet, gilt als mutig und bewundernswert, wenn sie im knappen Bikini ins Schwimmbad geht; auf mich, als Verfechter der praktischen Gleichberechtigung, wirkt das aber genauso wie der alte, angefettete alte Sack, braungebrutzelt und goldkettchenbehängt, der seine Wampe über dem knappen Tanga zur Schau stellt.

O weh, schon bei der Notiz des Stichworts wird mir bange. Ob ich das wirklich in der Alttag-Kolumne des Seniorenjournals detailliert ausführen soll?

Auf der Heimfahrt die Stare, die in großen Schwärmen an der Lahn und vor dem gespenstischen  Hintergrund des Abendrots über ihren Baum-Hotels kreisten. Ein immer wieder beeindruckendes Bild. Aber, wie ich glaube, gelesen zu haben, wie bei faeces et urinam ein deprimierend misanthropisches Bild des Lebens, denn die Schönheit entsteht aus der Angst, im täglichen Sein des Fressens und Gefressenwerdens als Individuum schneller gefressen zu werden als im schützenden Schwarm.

Wenn schon, denn schon so richtig morbide. Hübsches Zitat aus der Zeit, als Überschrift eines Textes über den Sinn des Lebens: „Was, wenn wir das Leben nur schön finden wollen, weil die Alternative nicht zum Aushalten ist?“

Na ja, ich notiere das alles nur so vor mich hin, im Stein(es)bruch des Herrn gw, um aus den passenden Bruchstückchen demnächst eine Kolumne zu basteln. Schlimm wird es nur für sensible Menschen, die sich von solchen Gedanken – und noch viel depressiveren –  täglich runterziehen lassen. Auch da hilft vielleicht der gelassene Blick des Alters auf dieses merkwürdige Leben, das nun mal ist, wie es ist. Wir nehmen es an, bis zum hoffentlich nicht allzu bitteren Ende, ohne es uns und vor allem anderen noch zusätzlich zu vermiesen. Wenn uns das im Alter gelingt und wir das Wie-es-nun-mal-ist-Leben, falls nicht von Krankheit und Leid gebeutelt, sogar überwiegend genießen können, wäre allen schon viel geholfen.

Sie lasen das Wort zum neuen Jahr, aus dem Stegreif und im „Flow“ geschrieben? Nee, dazu fehlt das, was gläubigen Menschen am wichtigsten ist, sie erfüllt und Trost in schlimmsten Notlagen spendet, inklusive zuversichtlicher Hoffnung, dass auf sie hinter dem Jammertal das Paradies wartet. Wer glaubt, wird selig. Ich beneide sie. Ja, Sie.