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Montagsthemen (vom 17. September)

Uli Hoeneß und das »geisteskranke« Foul. »So etwas gehört drei Monate gesperrt.« Finde ich auch. Hoeneß’ Begründung aber ist ein verbaler Umkehr-Kurzsch(l)uss: Wegen »Dummheit, denn so etwas macht man nicht, vor allem nicht an der Mittellinie, wo es um nichts geht.« Im Strafraum, wenn es um etwas geht, macht man »so etwas« also? Klugerweise?
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Dass Mario Goetze auf der Bank mehr Kameras anzieht als die Spieler auf dem Platz, erklärt seine Entwicklung vom – zumindest! – Jahrzehnt-Talent zum trägen Problemfall vielleicht besser als alle scheinbar schlauen Befunde. Er ist kein Instinktfußballer mehr, denn seine, sagen wir mal, Instagramisierung legt sich wie eine Bremsbacke zwischen Instinkt und Aktion. Goetze spielt nicht mehr Fußball, sondern die Rolle eines Fußballstars. Das kostet genau die Hundertstel, die ihm an jener  Bewegungsfixheit fehlen, die ihn als reinen Spaßfußballer ausgezeichnet hatte. Aber das soll kein weiterer schlauer Befund sein. Nur eine Vermutung.
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Ebenfalls nur eine solche: Goetzes aktueller Trainer wird dem BVB in seiner schrulligen Schratigkeit irgendwann Probleme bereiten. Und wenn es (im Namen der Fans: hoffentlich) erst nach dem ersten Titel ist.
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Für Serena Williams wäre der nächste Titel ein epochaler, er verliehe ihr auch statistisch das Diplom der Einmaligkeit. Ihr furienhaftes Ausrasten scheint daher menschlich verständlich. In der Emotion, auf dem Platz. Nur: Auch danach noch das Rassismus-Racket zu schwingen und das langsam kontraproduktive Frauen-Ding zu bemühen, geht nur noch auf den Wecker. Jedenfalls auf meinen. Noch schlimmer nur, dass jene unsägliche US-Verbandsobere und manche verbissen-beflissene US-Sportprominenz, das notorisch unfaire Publikum sowieso, sich wider alle Regel-Vernunft auf die Williams-Seite schlagen, pöbelnd und grölend auf Kosten der glücklich-unglücklichen Siegerin.
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Diese mitgefühllose, selbstbezogene und, wie ich es einmal nannte, flachselige Art (man könnte es heutzutage als Trumpeltierhaftigkeit bezeichnen) greift immer mehr um sich, auch bei uns. Diese innere Verwahrlosung wird durch äußere Einflüsse begünstigt und verstärkt. Für mich waren dafür zuerst die Ballerspiele das Symbolwort, später das Wetten und Zocken als Milliardengeschäft, Poker als ernsthaft betriebener Sport, manches andere kam dazu, ich will es gar nicht alles aufzählen, denn gesellschaftlich mittlerweile verankerte und systemimmanente Bereiche (vor allem auch im Sport) gehören dazu – und ich würde, zählte ich alles namentlich auf, das Casting zum schrulligsten Schrat haushoch gewinnen.
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Aber das muss ich noch loswerden: Was für mich mit Ballerspielen begann, wird heute in Reality-Shows auf abartige Höhepunkte getrieben. Behauptet nicht der schrullige Schrat, sondern eine Studie der London School of Economics, lese ich im Spiegel. Schon eine einzige Minute derartiger Sendungen fördere Egoismus, antisoziale Einstellung, Ablehnung des Sozialstaats und Verachtung von Armut. – Man könnte es aber auch andersrum sehen. Mein Umkehrschluss: Niemand, der Herz und Verstand hat, hält diesen Schund der Kardashian-Art eine Minute lang durch.
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Zum Wetter. Morgen über 30 Grad – gerade erst begann der Sommer, der ein großer war, sich als schöne Vergangenheit im Gedächtnis einzunisten, da kommt er schon wieder, mitten im September. Da gehört er nicht hin!
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Wir hatten uns schon vor einer Woche endgültig vom Sommer verabschiedet. Auf Hiddensee. Mittagspause im »Klausner«, wo große Teile von »Kruso« spielen, dem Roman von Lutz Seiler. Von hier aus, Dänemark im Blick, hatten viele Ostdeutsche versucht, schwimmend oder paddelnd zu flüchten. Manche sind als Leichen in Dänemark angekommen. (aktueller Fernseh-Tipp: »Kruso«, Mittwoch, 26. September, 20.15 Uhr, ARD).
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An unserem Tisch sitzen zwei Männer. Um die 50. Der eine trotz Bullenhitze und strahlender Sonne in der Regenjacke, unter ihr ein dicker Kapuzenpulli (Hoodie sagt man heute dazu). Bleich, ja fahl im Gesicht. Im Schatten sitzend. Unruhig, fahrig. Der andere liest konzentriert in einem Manuskript, korrigiert und redigiert es. Ich fantasiere, vom dichterischen Tatort inspiriert: Der Schriftsteller und sein Lektor, das letzte Werk des Todkranken bearbeitend.
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Später sehen wir sie wieder, vor dem Gerhart-Hauptmann-Haus (der hat ebenfalls eine Hiddensee-Vita). Der »Schriftsteller«, mit aufgestülpter Kapuze unter dem geschlossenen Anorak. Und mit aufgespanntem Regenschirm. Ich fühle meine melodramatische Interpretation bestätigt. Sie, meine Übertreibungen gewohnt: »Wahrscheinlich nur Sonnenallergie.«
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Es wird Zeit, dass der Regenschirm seinem Namen wieder gerecht wird. Von Hiddensee bis Hessen.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle