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Samstag, 15. September, 7.35 Uhr

Im Fernsehprogramm gesehen: „Kruso“ kommt. Mittwoch, 26. September, 20.15 Uhr, ARD. Den Roman hat sie verschlungen, ich nicht ganz so euphorisch. Sogar einige, nee, viele Seiten nur quer gelesen. Die besondere Atmosphäre klang aber auch in mir nach, als wir jetzt auf Rügen waren und mit den Rädern nach Hiddensee übersetzten und auf der autofreien Insel natürlich zum „Klausner“ fuhren, dem Gasthaus, in und um das große Teile von „Kruso“ spielen. Von hier aus, Dänemark im Blick, hatten viele Ostdeutsche versucht, schwimmend oder paddelnd zu flüchten. Manche sind als Leichen in Moen  (dort waren wir vor wenigen Jahren. Kreidefelsen wie auf Rügen) angelandet.

Im „Klausner“ Mittagspause gemacht. Am selben Tisch mit zwei Männern. Um die 50. Der eine trotz Bullenhitze und strahlender Sonne in der Regenjacke, unter ihr ein dicker Kapuzenpulli (Hoodie sagt man heute, habe ich erst gestern gelernt, als mir einer gekauft wurde). Bleich, ja fahl im Gesicht. Im Schatten sitzend. Unruhig, fahrig. Immer wieder sagte er leise etwas zu seinem Freund, der konzentriert in einem Manuskript las und es offensichtlich korrigierte, redigierte. Stets die gleiche Antwort, leise, nebenhin gesprochen: „Ja, tue das  ruhig.“ Dann stand der andere auf, ging irgendwo hin, oder tat gar nichts, setzte sich wieder. So ging das eine Stunde lang, und ich fantasierte, vom dichterischen Tatort inspiriert: Der Schriftsteller und sein Lektor, das letzte Werk des Todkranken bearbeitend.

Später sahen wir sie wieder, vor dem Gerhart-Hauptmann-Haus (der Dichter hat ebenfalls eine Hiddensee-Vita). Der „Lektor“ und der „Schriftsteller“, bei 30 Grad im Schatten mit aufgestülpter Kapuze unter dem geschlossenen Anorak. Und mit aufgespanntem Regen- bzw. Sonnenschirm.

Ich fühlte meine melodramatische Interpretation bestätigt. Sie, meine Übertreibungen gewohnt: „Wahrscheinlich nur Sonnenallergie.“

Es wird ein Geheimnis bleiben.

Baumhausbeichte - Novelle