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Paul-Ulrich Lenz: Obsession

Ich habe den Eindruck, allmählich wird der Verweis auf den September 15 für Sie zur ritualisierten Obsession.  Darum schicke ich Ihnen zwei  Texte, die befreiende Wirkung haben könnten:

 

Zwei Mönche waren auf der Wanderschaft. Eines Tages kamen sie an einen Fluss. Dort stand eine junge Frau mit wunderschönen Kleidern. Offenbar wollte sie über den Fluss, doch da das Wasser sehr tief war, konnte sie den Fluss nicht durchqueren, ohne ihre Kleider zu beschädigen. Ohne zu zögern ging einer der Mönche auf die Frau zu, hob sie auf seine Schultern und watete mit ihr durch das Wasser. Auf der anderen Flussseite setzte er sie trocken ab. Nachdem der andere Mönch den Fluss durchquert hatte, wanderten die beiden weiter. Sie schwiegen, bis sie nach etwa einer Stunde Rast machten. Da fasste sich der eine Mönch ein Herz und sagte zum anderen: »Du weißt schon, dass das, was du getan hast, nicht richtig war? Wir dürfen keinen nahen Kontakt mit Frauen haben. Wie konntest du nur gegen diese Regel verstoßen?«  Der Mönch, der die Frau durch den Fluss getragen hatte, hörte sich die Vorwürfe des anderen ruhig an. Dann antwortete er: »Ich habe die Frau vor einer Stunde am Ufer abgesetzt — trägst du sie immer noch?«

 

Der andere Text geht so – Sie werden die Erzählung Jesu vom barmherzigen Samariter kennen – zum Nachlesen Lukas 10:

 

Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halb tot liegen.  Es traf sich aber, dass ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und als er ihn sah, ging er  vorüber. Desgleichen auch ein Levit: Als er zu der Stelle kam und ihn sah, ging er vorüber.

 Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte es ihn. Er nahm sein Handy um zu klären, wer denn zuständig sei. O es jemand stören würde, wenn er helfen würde. Ob sich auch keiner übergangen fühlen würde, wenn er jetzt einfach tun würde, was dran ist. Ob man nicht eine Kommission einsetze müsste, die den Weg sicherer machen könnte…..Als er das Handy zuklappte, war der Überfallene leider Gottes gestorben. Er legte gerührt einen Kranz nieder und ging seinen Geschäften nach.  

 

Die Suche nach dem vermeintlichen Sündenbock hilft nicht, die heutigen Hass-Tiraden auf den Straßen und im Parlament zu bewältigen. Sie beruhigt nur.   ((Paul-Ulrich Lenz, Pfr.i.R., Schotten)

Baumhausbeichte - Novelle