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Sonntag, 12. August, 6.30 Uhr

Kaum ist die Hitzewelle vorbei, schon vermisse ich sie. Zwar scheint wieder ein schöner Sommertag anzubrechen, aber es ist frisch, spät hell geworden, und ein erster leichter Herbstschleier legt sich über das Land und über mich. Welch ein Sommer war das!

Kleiner Beitrag zur Klimawende. Bevor ich in die Redaktion musste, fuhr ich jeden Morgen meine kurze 15-km-Strecke ab, mit dem Treckingrad, kurz, knackig, hügelig, auf Zeit. Im Blog habe ich damals oft davon geschrieben, auch über die beiden Braunen auf der Weide, die ich im Vorbeifahren grüßte: „Na, ihr Kerle!?“ Habe ich nicht sogar Fotos der  Pferde in den Blog gestellt? Seit 2012, seit offiziellem Ruhestand mit Heimschreibarbeit, fahre ich zu anderen Zeiten und nicht jedes Mal diese Strecke. Aber immer, wenn ich vorbei kam, das Ritual: „Na, ihr Kerle!?“ Manchmal nur geflüstert, wenn Menschen in der Nähe waren, seit einmal zwei Stockwalkerinnen erschreckt zusammenfuhren, als ich nach rechts zu den Pferden blickte, laut „Na, ihr Kerle!?“ rief und nicht gemerkt hatte, dass ich im selben Moment an den Frauen links von mir vorbei fuhr. In diesem Jahr kam ich seltener zu den Braunen, aber immer noch ziemlich regelmäßig. Die beiden (Pferde, nicht Stockwalkerinnen) schienen etwas klappriger, und seit einigen Wochen war eins von ihnen nicht mehr zu sehen. Gestern sah ich den Motorroller des Besitzers vor dem Stall, hielt an, machte mich bemerkbar („Hallo, ist jemand im Stall!“), der Mann kam heraus, ich fragte nach dem vermissten Pferd – „Es lebt nicht mehr.“ Und dann erzählte mir der Mann die ganze Geschichte. Erst wurde das Pferd, 24 Jahre alt, von einer Dornspinne gestochen, was große, eitrige Stellen am Bauch verursachte, dann bekam es, schon geschwächt, eine Heustauballergie. Es sollte eingeschläfert werden, meinte der Tierarzt, aber der Mann, seinen Pferden so verbunden wie andere ihrem geliebten Hund (was ich nachvollziehen kann), hoffte noch auf ein Wunder. Doch eines Tages lag das Tier auf der Weide, sein Gefährte trabte aufgeregt um es herum, Spaziergänger aus dem Dorf riefen den Besitzer an, der kam, auch der Tierarzt, aber bevor der die Spritze ansetzte, „schlief es von alleine ein“.

Das andere Pferd, dem es noch gut geht, ist die Mutter des gestorbenen, erfuhr ich, stolze 35 Jahre alt. Ich staunte. Ist Winklers Halla nicht auch alt, aber nur wenig über 20 Jahre geworden? Jedenfalls kam auch Halla zum Abdecker, wie jetzt „mein“ Brauner. Der Abdecker beschwerte sich beim Besitzer, warum er das Pferd nicht auf der Weide habe liegen lassen, da wäre er viel besser rangekommen als hinter dem Stall, wo der Kadaver hingeschleppt worden war. Besitzer: „Aber was hätte ich tun sollen? Wenn ich das tote Pferd einen Tag auf der Weide gelassen hätte – heutzutage hätte doch jeder, der vorbei kommt, das Smartphone gezückt, das Bild ins Internet gesetzt und über den Skandal geklagt.“

Aber was hat das alles mit dem Klimawandel zu tun? Die Dornspinne! Sie kann, so der Besitzer, der sich kundig gemacht hatte, auch dem Menschen gefährlich werden. Nach Hause gekommen, googelte ich sie – und fand sie in Südostasien. Es gibt mehrere Unterarten, eine ist die Dornfingerspinne, und die ist im Zuge der Erderwärmung bis zu uns vorgedrungen.

Na ja, nichts für die Kolumne. Bleibt wohl im Stein(es)bruch liegen, die Dornfingerspinne. Oder kommt mal ein Thema, zu dem ich sie hinzuassoziieren kann?

Habe heute viel auf dem Zetttel stehen, würde für mehrere „Montagsthemen“ reichen. Zum Beispiel „Schmiddi, die Revolverschnauze“. Notiert aus einer „Bild“-Sonderseite über die „letzte Weiße Rose“, Traute Lafrenz (99), die in den USA lebt und Freundin von Hans Scholl war. „Sie ging auf die Lichtwark-Schule. ‚Dort lernten auch Loki und Helmut Schmidt. Helmut nannten wir ‚Schmiddi, die Revolverschnauze‘. Als ihre Lehrerin Erna Stahl 1935 unter den Nazis ihren Job verlor, unterrichtete sie die Kinder heimlich bei sich daheim. Als Stahl verhaftet wurde, baten Mitschüler  den eloquenten Schmidt, sich für die Lehrerin einzusetzen. ‚Das machte er aber nicht‘, sagt Traute Lafrenz noch heute mit spürbarer Verbitterung. ‚Obwohl Schmiddi damals schon Leutnant war.‘ Von dem Thema habe Schmidt später nichts mehr hören wollen.“ – Da „Bild“ in diesem Fall sicher keine Fake News verbreitet, bestärkt diese Geschichte meinen Eindruck vom Exkanzler, der in seinen späten Jahren als scheinbar milder Opa zum beliebtesten Deutschen geworden war. Mich hat das Nassforsche immer abgestoßen. Und wenn Revolverschnauzen ausnahmsweise schweigen …

Aber jetzt zu eher verwertbaren Bruchstücken im Stein(es)bruch. Nein, nicht mal Bruchstücke, es sind nur Stichworte auf dem Zettel: Reinartz, Bailey und die Sprachpolizei / Strafe für Rassisten: Hundert Mal die Namen der beiden deutschen Sprungwunder unfallfrei schreiben / Jan Ullrich und der Leserbrief (siehe Mailbox) / Schiedsrichter ans Telefon! Frühe Forderung nach Fernkommunikation / Kalibrieren beim Videobeweis (der dann ein echter ist) und beim Weitsprung / Hand ist Hand! Das sollte der Video-Assi auch übernehmen, als endlich objektiv feststellbare Tatsache nach Präzisierung der Regel (Ausnahme von Hand ist Hand: Schutzhand am Körper bzw. dort angelegt angeschossen) / „Aufstehn“, Dehm, die Bots und Hoffenheim (aber schwer in einen kurzen Lese-Happen zu bringen) / Thiam und die Marmelade / 50 Bananen am Tag und die Diäten-Seuche; beste Diäten überhaupt sind die der Bundestags-Abgeordneten, machen aber „angewendet“, also aufgegessen, ziemlich dick / Röhler, verkopft, Wassergraben / Gutmensch-Erfinder / Arme hoch reißen / Medaillenspiegel: von mir satirisch gefordert – es gibt ihn!

Da wird vieles übrig bleiben, das kann ich ja nicht alles „aufessen“. Im Gegensatz zu dem, was jetzt kommt. Das erste K(uchen) von KKKK. Kaffee, Knicks und Kuss … und Schluss mit dem Sonntagfrühmorgensblog.

 

Baumhausbeichte - Novelle