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Montagsthemen (vom 13. August)

Mit Kalibrierung  führt uns das Finale der Leichtathletik-EM zum Start der Fußball-Bundesliga. Was im Weitsprung ins Chaos führte, soll im Fußball als kalibrierte Abseitslinie für mehr Gerechtigkeit sorgen. Das neue Wort ist ein altes, bei meinem uralten Freund Brockhaus steht es zwischen »Kaliber« und »Kali-Chemie AG« und bedeutet, »ein Werkstück durch bildsame Formung auf genaues Maß bringen«. Wollen wir hoffen, dass das Werkstück »Abseits« durch den Video-Assi auf ein »genaueres« Maß gebracht wird als das gesprungene Werkstück der Leichtathleten.
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Mit ihnen beginnen wir und mit der ganz und gar großartigen Malaika Mihambo. Wie sie vor dem letzten und scheinbar unerheblichen Sprung auf das Sichselbstübertreffen konzentriert blieb und erst danach der Freude den natürlichen, ihrem Charakter gemäß nicht überschwänglichen Lauf ließ! Nichts gegen den »total geil« aufgekratzten Jubel von Mateusz Przybylko, aber  Malaika Mihambo berührte (mich) mehr als  Mateusz Przybylko.
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Womit ich, wäre ich Rassist und Medaillenfetischist, vier Hundertstel der Strafarbeit abgearbeitet hätte, zu der ich gerne jeden aus dieser dumpfen Spezies verdonnern würde: Hundert Mal die Namen der beiden Sprung-Europameister schreiben. Für jeden Fehler gibt es eine Kopfnuss. So viel Gewalt würde ich selbst als Pazifist vor mir verantworten. – Ich weiß, ich weiß, wenn jeder Fehler eine Kopfnuss einbrächte, litte ich schon längst an chronischer Gehirnerschütterung. Also lieber doch keine Kopfnüsse, selbst für Rassisten nicht. Verachtung genügt, und mutiges Aufstehen.
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Aufstehen? Da ist doch noch was? Dazu später. Zunächst weiter mit der Leichtathletik. Speerwurf-Europameister Thomas Röhler ist ein ähnlich selbstreflektierter  Typ wie Malaika Mihambo. Ich musste schmunzeln, als er unschlüssig schien, wie er auch äußerlich seine innere Freude zeigen sollte. Er schien die Lage zu analysieren wie vorher seine Speerwürfe, um dann »spontan« in den Wassergraben zu springen. Macht Spaß und freut das Publikum.
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Als diese Kolumne geschrieben wurde, stand Russland nach 162 von 187 Entscheidungen an der Spitze des Medaillenspiegels, Deutschland war Fünfter. Wie das? Russland ist doch gar nicht offiziell in Berlin dabei? Und 187 Entscheidungen? Weil die Deutsche Presseagentur (dpa) meiner satirischen Aufforderung gefolgt ist, zwecks Popularisierung der »European Championships« einen gemeinsamen Medaillenspiegel zu führen, mit dem nicht nur, wie bei üblicher Medaillenspiegelfechterei, Äpfel mit Birnen verglichen werden, sondern auch Obst mit Gemüse, Sekt mit Selters, alles in den Thermo-Medaillenmix gesteckt wird  … und raus kommt kalter Kaffee in der Konsistenz von gequirltem Quark.
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Tja. Nun muss es sein. »Ich bin, was Ulle angeht, immer nahe bei Ihnen gewesen«, schreibt Tilo Heller, jetzt fragt unser Leser aber, ist Jan Ullrich vielleicht »doch nur ein einfach gestrickter A… und nicht ein lieber, harmloser, vom Profizirkus verbogener großer Junge?« Da Tilo Heller von mir eine Antwort erwartet, habe ich lange mit mir gerungen, glaube immer noch, dass Ullrich  durch pharisäerhaft lustvolle deutsche Hexenjagd aus der Lebenskurve geflogen ist … aber bei allem Verständnis gibt es für mich eine rote Linie. Drogenabhängigkeit entschuldigt Gewaltausbrüche nicht, sie deckt eher latente Neigungen auf … ach, ehe ich laienhaft mitpsychologisiere (unsägliche Bild-Schlagzeile: »Ist Jan Ullrich so kaputt, weil sein Vater gesoffen hat«), schweige ich lieber, das aber sehr enttäuscht und, nun ja, ernüchtert.
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Da macht es mehr Spaß, ein  Assoziationskettchen zu knüpfen. Wenn demnächst wieder in Hoffenheim beim Klub des Multimilliardärs Dietmar Hopp das Tor-Jingle ertönt, hört man die Melodie von »Das weiße Wasser bricht den Stein.« Die alte Friedenshymne der Bots, deutscher Text von Dr. Diether Dehm (ein besonders bunter Hund, aber das ist ein anderes Thema). Dehm will nun seinen Text einer weiteren Bots-Hymne für »Aufstehen« umformulieren, die linke Sammlungsbewegung aus dem Hause Lafontaine-Wagenknecht. Sinnigerweise den  Bots-Titel »Aufstehn«, in dem es auch heißt, alle sollten aufstehen, »für die Nehmen schön wie Geben ist«. Schön wie? Ich dachte, zu  linken Sammlungsbewegungen passt eher »schöner als«. Für    Hopp ist  übrigens Geben schöner als Nehmen. So viel Respekt muss sein.
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Jetzt könnte ich noch ein wenig über »Gutmenschen« aus dem links-grünen Milieu lästern. Die gibt es erst, seit der letzte Woche gestorbene Germanist und Journalist Kurt Scheel den Begriff »Gutmensch« erfunden hatte, mit dem er sarkastisch auf eben dieses »links-grüne Milieu« zielte (Spiegel). Beinahe hätte ich zustimmend gegrinst, doch im Spiegel-Nachruf heißt es weiter, Scheel habe später bedauert, dass sein Begriff von »zu vielen Idioten« verwendet würde. – Rumms! Das hat gesessen. Diese Idiotie will ich mir ab sofort abgewöhnen. Wenigstens diese. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle