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Sport-Stammtisch (vom 11. August)

Nach dem Fußball-WM-Desaster kann sich die Leichtathletik in Berlin von ihrer schönsten Seite zeigen und in der Gunst der Zuschauer und des Wetters sonnen. Auch dass Titel und Medaillen in vielen Disziplinen ohne die absolute Weltspitze angenehm tief hängen, ist kein Makel, sondern Sinn der EM-Sache. Ein Name für alle: Arthur Abele. Wer seine Vorgeschichte kennt oder erst jetzt von ihr erfahren hat, weiß, dass er ein echter König der Athleten ist, unabhängig von der eher bescheidenen Punktzahl und dem »Salto nullo« des auf Weltrekord gepolten Kevin Mayer.
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Apropos Salto nullo. Einen deutschen Athleten haben viele auf dem Kieker, sogar Ex-Werfer, die auf Facebook und Co. Kontakt halten und sich auf Christoph Harting eingeschossen haben. Aber das ist unfair. Sein verhaltensauffälliges Gehabe beim Olympiasieg hin oder her, aber drei »Ungültige« in der Quali gehören nun mal zum normalen Risiko (siehe Mayer, früher auch Abele), und auch, dass er den gleichen Fehler im zweiten und dritten Versuch wiederholt, ist schon den penibelsten, bestvorbereiteten, seriösesten Athleten unterlaufen. Der seltsame Junge wird es verkraften und eines Tages weit über 70 Meter werfen.
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Nicht ganz so viel Verständnis habe ich für David Storl (den alle »Dävid« rufen, obwohl DDR-stämmige Davids meist auch Devid geschrieben werden, wenn sie so genannt werden sollen, siehe Schauspieler Devid Striesow, aber das nur am Rande). Ob David, »Dävid« oder Devid, 2012 in London war lediglich die Frage, wie viele Jahre lang dieses unglaubliche Talent Storl seine Disziplin unangefochten beherrschen würde. Doch dann stagnierte er in viel zu jungen Jahren, wurde sogar schwächer, und Platz drei bei der EM ist kein Erfolg, sondern eine weitere Enttäuschung für alle, die so viel von ihm erwartet haben. Wenn es für Storl keine Enttäuschung ist, könnte das eine der möglichen Erklärungen für die Enttäuschung der Enttäuschten sein. Äußerlich wirkt der Unvollendete schwerathletisch nicht bis ins Vorletzte austrainiert, bis ins Letzte schon gar nicht.
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Selbst Wunderkinder wie Storl kommen in ihrer Karriere an einen Punkt, an dem es hakt und die Leistungen nicht wie selbstverständlich weiter durch die Decke gehen. Normal Talentierte kennen das schon früh, lernen, damit umzugehen und sich durchzubeißen. Das Wunderkind hat aber nicht die antrainierte Willenskraft, sich durchsetzen zu wollen, und fühlt sich vom Schicksal ungerecht behandelt, ja, sogar beleidigt, und schmollt, statt zu »beißen«.
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Man könnte es das Götze-Syndrom nennen. Ich stelle den Satz bewusst in den Konjunktiv, denn bei Storl wie Götze ist meine »Diagnose« nur Küchenpsychologie, vielleicht tue ich beiden Unrecht, in Verkennung ihrer wahren Probleme (Verletzungen, Stoffwechselstörung). Eigentlich wollte ich auch nur auf das Wort »Wunderkind« kommen … aber von vorn (Quelle der folgenden Fakten: Zeit): »Jetzt zeig mal allen, dass du das Wunderkind bist!« Mit diesem aufstachelnden Satz wechselte BVB-Jugendtrainer Peter Hyballa einst seinen genialischen Jungstar Götze ein, den er zuvor mangels Trainingsfleiß auf die Bank gesetzt hatte. Mario drehte das Spiel. Als Götze 2014 aus der Startelf fiel, erinnerte Hyballa sich daran und steckte den Satz am Tag vor dem Endspiel Löws Berater Claus-Peter Niem. Der schrieb daraufhin dem Bundestrainer eine SMS, wie er Götze, von der Bank kommend, »endlich an seine Grenzen bringen« könne: »Wenn du ihn dann noch anstachelst, ›Zeig der Welt endlich einmal, dass du besser als Messi bist, dass du das Wunderkind bist‹, wird er den Unterschied machen.« Der Rest ist WM-Geschichte. Löw ließ nur das »Wunderkind« weg und behauptete später, der Satz sei ihm spontan eingefallen …
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Zurück zur Leichtathletik. Beim Zappen zwischen ZDF und Eurosport schnappte ich einen anderen aparten Satz auf. Als Chiapinelli im 3000-m-Hindernislauf zu einem Zwischenspurt ansetzte, kommentierte der Sprecher: »Er sucht sein Heil in der Flucht … das mögen die Italiener.« Witzischkeit kennt keine Grenzen. Echt witzig, jedenfalls für mich, dagegen der Grund für das Chaos im Weitsprung, bei dem nicht mit Maßband, sondern Videotechnik gemessen … und der letzte Abdruck mit dem Schatten der Springer verwechselt wurde. So etwas wäre bei Peter Schlemihl nicht passiert.
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Und da ist dann noch Eintracht-Trainer Adi Hütter, der bei FFH auf die etwas verdruckste Frage des Moderators – eigentlich heiße er doch Adolf … der Nachname beginne mit H … da gab es schon mal wen … sei das ein Thema für ihn? – freimütig antwortete, sein Onkel Adolf sei bei einem Lawinenabgang tödlich verunglückt, die Oma habe unbedingt noch einen Adolf in der Familie haben wollen, und dieses Schicksal habe ihn als nächst folgenden Nachkommen ereilt. Aber praktisch seit Geburt sei er nur Adi genannt worden.
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Klar, nur eine unwesentliche Randnotiz. Ich stutzte aber dennoch. Weil: Seit ich den Namen des neuen Eintracht-Trainers erfuhr, war ich nie auf die »Adolf«- oder gar Hitler-Assoziation gekommen. Als ich im Gedächtnis nach Adolfs und Adis kramte, fiel mir nur der ehemalige ARD-Sportreporter Adi Furler ein, bei dem ich ebenfalls nie an »Adolf«, sondern nur an Pferde gedacht habe. Und auch Mario Adolf habe ich nie mit Hitler assoziiert. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle