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Donnerstag, 14. Juni, 18.45 Uhr

Russland führt 3:0 gegen Saudi-Arabien, las ich vorhin. Womöglich mittlerweile höher, aber ich schaue mir dieses Spiel nicht an. Nicht aus Protest gegen Putin, sondern weil es mich nicht interessiert. Im sehr alten Buben-Slang: nicht die Bohne.

Zuvor, auch das habe ich nur gelesen, ist Robbie Williams aufgetreten. Bei der Eröffnungsfeier, die mich noch nichtser die Bohne interessiert. Hätte sie mich interessiert, hätte ich aus meinem vor einigen Jahren begonnenen stillen Protest gegen diesen Typen sofort ausgeschaltet, als er auftrat. Mehr dazu, wenn ich morgen den Sport-Stammtisch schreibe. Hat was mit Empathie zu tun, und ich wette, meine liebste Zielgruppe, selbst sollte sie jetzt noch Robbie-Fan sein, wird sich meinem Protest anschließen.

Ob alle, die angekündigt haben, aus Protest gegen Özil und Gündogan kein Spiel der deutschen Mannschaft sehen zu wollen, ihren Protest auch wahr machen? Ich bin skeptisch. Falls dennoch ja, müsste es sich in den Einschaltquoten deutlich bemerkbar machen. Ich fordere jedenfalls Erbarmen mit Gündogan. Auf dem Zettel für die Kolumne steht noch mal das Wörtchen „Empathie“. Und „meine inoffizielle hessische Staatsbürgerschaft“. Aber auch das wird erst morgen ausformuliert.

Denn den Zettel hatte ich zwar mit auf meiner Radreise im Pfälzischen (u.a. Trifels, Krypta in Speyer, Hambacher Schloss, also sehr deutschkulturell), doch Gedanken zum Sport kamen nicht auf, andere Eindrücke überwogen. Sechs alte Menschen auf Pedelec-Tour, zusammen über 420 Jahre alt, hatten andere Gesprächsthemen als Sport, und bei dem einzigen  mit sportlichem Hintergrund (Gündogan, Özil) stand ich mit meinem Erbarmen für die zwei allein.

Auf von Schlammlawinen überschmierten Radwegen war volle Aufmerksamkeit gefordert, mehrmals schlingerte ich, aber Stürze konnte ich vermeiden. Hätte ich den sechsten Rippen- bzw. Schlüsselbeinbruch buchstäblich hingelegt, wäre mir von meiner einzig allerliebsten Zielgruppe das Radfahren gnadenlos verboten worden.

Doch dann, nähe Landau, ziemlich jotwede, auf mittlerweile freiem, gut befahrbarem Asphaltweg, stürzt mein Vordermann unvermittelt, warum, wissen wir immer noch nicht, entsetzt merke ich sofort, dass der Sturz ein sehr schwerer ist. Der Gestürzte, ein Psychiater, ist einer von zwei Ärzten in der Gruppe. Voll auf die Seite gefallen, ohne jegliche Meidbewegung, nach dem Aufprall schlägt auch der Kopf, zum Glück behelmt, noch mal auf den Asphalt. Der andere Arzt, ein Chirurg, diagnostiziert einen Bruch des Oberschenkels. A., der Gestürzte, ist benommen, nicht ganz da, hat starke Schmerzen. Es regnet, es ist kühl, der alarmierte Rettungswagen kommt nicht (weite Anfahrt), dafür ein zufällig vorbeikommender. Es beginnt eine lange, quälende Prozedur, Infusionen, Spritzen,Foliendecke, wir halten eine Plane gegen den Regen über die Szenerie, es dauert mehr als eine Stunde, bis der Schmerzgeplagte auf die zweigeteilte Trage bugsiert werden kann und wir ihn vom Radweg über den Graben zum Rettungswagen auf der parallel verlaufenden Landstraße bringen können.

Die tolle kameradschaftliche Stimmung ist hin, betröppelt radeln wir fünf langsam weiter. Wieso ist A. bloß gestürzt? Keine Ahnung. Mittlerweile wissen wir nur, dass der Oberschenkel doppelt gebrochen ist und der Verunglückte unter retrograder Amnesie leidet, also nicht weiß, was vor und bei dem Sturz passiert ist. Am Telefon sagt er mir heute, dass er noch eine Woche dort unten im Krankenhaus bleiben müsse und die Rekonvaleszenz gut drei Monaten dauern werde. Gute Besserung, lieber A.!

Kein Wunder also, dass mir der Sinn in diesen Tagen nicht nach Kolumnenstoff-Sammlung war. Auftaktspiel, Eröffnungsfeier, Robbie Williams und Gündogan/Özil/Hessen … na ja, besser als nichts. Mal sehen, was ich morgen daraus machen kann. Bis dann!

Baumhausbeichte - Novelle