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Montagsthemen (vom 11. Juni)

Mein Nationalstolz ist leider nicht nur unterentwickelt, sondern fast gar nicht vorhanden. Das Deutschsein ist mir in den Schoß gefallen, ich bin froh darüber, aber nicht stolz darauf. Dennoch habe ich Verständnis für die Pfiffe gegen Gündogan. Denn Nationalstolz ist weltweit verbreitet und, wenn er nicht ausartet, ein durchaus natürliches und respektables Empfinden. In jedem anderen Land der Welt würde ein dortiger Gündogan ebenfalls mit Pfiffen empfangen. Das ist geschehen, und nun muss es aber auch gut sein.
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Verständnis für die Pfiffe, auch für Gündogan und Özil, den Politikern wider Willen, Respekt für Emre Can, der dem unmoralischen Angebot des Erdogan-PR-Clans widerstanden hat. Hätten auch die beiden anderen deutschen Nationalspieler abgelehnt, wäre das in Deutschland und der Türkei als starkes Statement gegen Erdogan gefeiert oder verdammt worden. Dazwischen gab es nichts. Eine fiese Falle, in die Özil und Gündogan, und nur das sollte man ihnen vorwerfen, ungeschickt und freiwillig, sogar stolz, getappt sind. Und nun ist aber wirklich Schluss.
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Es ist ja auch nicht nur diese Affäre, die unangenehm unfroh über dem Fünf-Sterne-Projekt schwebt und lähmend um Köpfe und Füße wabert … oh, wenn schon Stilblüte, dann richtig und mit dem ständigen Wetterbericht der letzten Tage: Noch scheint die Sonne, aber am Horizont türmen sich schon dräuend die Gewitterwolken auf, wehe, wehe …
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Statt frohgemuter Aufbruchstimmung überwiegt argwöhnische Unsicherheit bei den Fans, im Umfeld und, wenn nicht alles täuscht, auch im DFB-Team. Neuer ohne echte Spielpraxis, Boateng noch hüftsteif und wacklig, Hummels wegen seines »Tempos« immer öfter als letzte Rettung zum Tackling ansetzend, was irgendwann ins Auge gehen muss, Özil und Gündogan psychisch belastet, Müller nicht mehr der raumdeutende Spontifex … und mittlerweile gilt der außergewöhnliche, aber auch außergewöhnlich zerbrechliche Marco Reus als fast schon größter Hoffnungsträger. – Hoffentlich täuscht das mulmige Gefühl, denn mein wenn auch nur rudimentärer Nationalstolz will schon aus Unterhaltungsgründen die deutsche Mannschaft so lange wie möglich im Turnier begleiten. Wen interessiert schon ein Viertelfinale ohne Deutschland?
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Unvorstellbar. Wie bis vor kurzem auch eine Eintracht ohne Alex Meier. Die Pro-«Fußball-Gott«-Demo beseelter Fans in Frankfurt ist sehr, sehr gut gemeint, aber nur ein sympathisches Treuebekenntnis. Meiers Zeit ist vorüber, statt genialer Fuß wäre er nur noch Hemmschuh. Dass er das nicht wahrhaben will, ist nur allzu menschlich. So erging es schon vielen großen Sportlern.
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Ach ja, Thema Frankfurt. Das Zeit-Magazin, in dem mit Christoph Amend ein echter Mittelhesse (und Ex-»Freier« von uns) das Sagen hat, widmet der Stadt eine komplette Regio-Ausgabe. Unter anderem werden städtische Ikonen aufgelistet, mit Goethe und Alex Meier und den üblichen Verdächtigen (Klinke, Cohn-Bendit, Onkel Otto usw.), aber ohne Matthias Beltz, unseren Hessen im Himmel. Unverzeihlich! Kleiner Trost: Henni Nachtsheim, unser anderer Mitkolumnist, war am Samstag mit seinem Badesalz-Kumpel Gerd Knebel ein paar Stunden bei Werner Reinke im HR zu Gast.
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Das Konkurrenz-Magazin, das am Samstag der FAZ beilag, weckt professionelles Mitleid mit seinen Machern. Auf dem Titel der großformatigen Illustrierten (um mal ein fast vergessenes, aber treffendes Wort zu reaktivieren) blickt ein junger Mann im »Rollkragenpullover mit Reißverschluss von Prada« zugleich stolz und verschüchtert wirkend in die Kamera. Der Junge heißt … Mesut Özil, dem das Lifestyle-Blatt eine ausgiebige Mode-Fotostrecke widmet. Eine redaktionell teure, aufwendige Sache, die kurzerhand nicht rückgängig gemacht werden kann und daher angesichts des aktuelleren Fotos eiertanzend begründet werden musste. »Das mit Mesut Özil auf dem Titel kann ich erklären. Aber ich hole etwas weiter aus« … und dann holt das Editorial sehr, sehr weit aus. Das Ende vom Lied ist die rhetorische Frage: »Sollten wir die Fotos von Mesut Özil, den wir zwei Tage vor seinem Treffen mit Erdogan in neuer Mode aufnahmen, einfach wegwerfen?« Natürlich nicht. Wäre ja schade um den Reißverschluss von Prada.
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Und sonst? Der Wahnsinn wird zur Methode. Trump ist die »lose Kanone«, die an Bord der Weltpolitik gefährlich herumschlingert. Gegen ihn sind die drei anderen Potentaten, die wir für so gefährlich halten, nur harmlose Knallerbsen.
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Das Wetter wie die Welt. Es blitzt und kracht, es twittert und twistert, nicht jeden trifft es, aber überall dräut es, und allen wird mulmig. Fataler Unterschied: Wetter ist nur Wetter, Welt aber Klima. Und das ändert sich politisch drastischer als meteorologisch, fast wettersturzartig. Aber das ist eventuell ein ganz anderes Thema und hat mit Sport nicht mehr allzu viel zu tun. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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