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Michael Jungfleisch-Drecoll: Grundkonsens

Gibt es diesen Grundkonsens nicht, den Sie am 22.05. erwähnen? Bisher dachte ich, dieser sei eine Grundfeste in unserer demokratischen Gesellschaft…

 

Sie sprechen von der Zerrissenheit unserer Gesellschaft, von einer Idealvorstellung in Bezug auf einen humanen Grundkonsens. Ich bin bisher davon ausgegangen, dass dieser Grundkonsens eine Selbstverständlichkeit ist. Naiv wie ich bin.  Oder war. Wenn nicht die Einstellung aller in der Bundesrepublik lebenden Menschen, so doch die Grundidee der (noch) großen Mehrheit der Gesellschaft ist. Wenn die Flüchtlingskrise diesen Grundkonsens innerhalb von drei Jahren zerstört hat, dann hat es diesen Konsens auch vorher nicht gegeben. Dann haben wir uns kollektiv etwas vorgemacht. Wenn wir uns auf diesen Konsens einigen können, und das hoffe ich doch sehr stark, ist es eine Frage der Wahrhaftigkeit, wie wir mit der Meinung des politisch anders Denkenden umgehen. Wir sollten unsere eigenen Idealvorstellungen hinterfragen und sollten uns hüten, die politisch andere Seite zu dämonisieren. Wir sollten uns zum Beispiel eingestehen, dass Integration möglicherweise doch nicht so funktioniert, wie wir uns das wünschen. Ich bin überhaupt nicht davon überrascht, dass viele Deutsch-Türken Erdogan anhimmeln. Genauso sollten sich die „stolzen Deutschen“ darüber bewusst sein, dass sie ihren Wohlstand heutzutage nicht durch eigenen Fleiß erarbeiten, sondern davon profitieren, dass Menschen in Ländern rund um den Globus für Hungerlöhne schuften. Kurz gesagt sollten wir Realitäten anerkennen und aufhören, bestimmte Dinge schönzureden. Es gibt so manch triftigen Grund, links oder rechts zu sein. Aber wer die völlig zutreffenden Argumente der jeweils anderen Seite bewusst ausblendet, argumentiert nicht redlich. Das gilt für die Leute, die über das Wohl der Flüchtlinge alles andere aus dem Blick verlieren, ob Vernunft oder Gerechtigkeit, genauso wie für die, die diese Flüchtlinge für ihre eigenen Probleme verantwortlich machen wollen. (Michael Jungfleisch-Drecoll/Düsseldorf)

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