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Sonntag, 27. Mai, 6.40 Uhr

Wie soll der Junge das bloß verkraften, aushalten? Niemand wird ihn mehr als „Flutschfinger“ verhöhnen, wie das in England zuvor getan wurde. Selbst der Gefühlloseste wüsste, dass „normale“ Bösartigkeit fast buchstäblich tödlich sein könnte. Karius wird viel Mitleid erfahren, Klopp, ein guter Christ, wird alles tun, um ihm zu helfen – aber kann man nach solch einem Desaster helfen? Die Bilder des Dramas werden ihn bis zu seinem Lebensende verfolgen, und sollte in hundert Jahren noch Fußball gespielt werden, werden auch diese beiden Szenen dann noch in den Köpfen und Bild-Archiven sein. Der arme Junge. Er weinte, man hätte mit ihm weinen können. Ich hatte einen Kloß im Hals.

Ich merke gerade, dass diese Blog-Zeilen auch die Kolumne eröffnen müssen. Sind aus mir rausgeflossen wie seine Tränen. Pragmatischeres: Ist Karius‘ Karriere beendet? Ich fürchte, ja. In Liverpool bestimmt, aber wer wollte ihn noch verpflichten? Ein Torwart muss Sicherheit, Souveränität ausstrahlen, vor allem auf die Mitspieler. Scheint kaum noch möglich, zumal, siehe oben, niemand Kiew vergessen wird.

Das Finale kippte aber schon früher. Eine Szene wie beim Wrestling. Arm einklemmen, über den Gegner abrollen und sich auf den eingeklemmten Arm fallen lassen und dem Gegner dabei scheinbar die Schulter brechen. Unterschied: Im Wrestling ist die Szene gefaked, das Opfer spielt mit, in einem virtuosen Paartanz-„Move“. Das Opfer tut sich nicht weh. Salah aber könnte sich tatsächlich die Schulter gebrochen haben (momentan ist noch nichts bekannt), zumindest ist er gravierend verletzt. Der Übeltäter wird belohnt, seine Aktion war mindestens so spielentscheidend wie Karius. Überhaupt wird Real belohnt, Spiel um Spiel sind sie nur durch Pleiten, Pech und Pannen der Gegner ins Finale gekommen, und dort kulminierte die Ungerechtigkeit der Fußballwelt.

Noch mal zu Karius: In den Meldungen der Nacht zeigte Bild mehr Fingerspitzengefühl als die FAZ. In der ersten Online-Schlagzeile sprach Bild von einem „peinlichen Doppel-Bock“, korrigierte das aber schnell zum „tragischen Doppel-Bock“, während die FAZ beim „Slapstick“ blieb. Slapsticks sind Sachen zum Lachen. Wer lachte da? Slapstick ist hier ein unmenschliches Wort.

Ach, mach ich halt doch auch mal ein Witzchen: Benzemas Tor hätte nicht zählen dürfen. Eine Torvorlage per Hand ist nur durch Einwurf erlaubt.

Mir wird immer klarer, dass dieser Sonntagfrühmorgensblog in wesentlichen Teilen in die Montagsthemen sollte. Dazu sicher auch die Strunz-Verarschung im Interview der Süddeutschen Zeitung (nicht er wird verarscht, er verarscht uns). Vielleicht noch der Journeyman, weil der auch mit Verarschung zu tun hat. Ob es nich zu einemSchlenker in die Leichtathletik reicht, weiß ich nicht. Interessiert vielleicht zu wenig (Baker 100m in 9,78, +2,4 Wind, dennoch wird „pers. Saisonbestleistung“ gemeldet, was mehrfacher Unsinn ist / außerdem Kugel, das unendliche Thema: Storl, als Talent mehrfach gesegneter als Crouser. In Eugene: Crouser 22,53, Storl 20,49).

Nein, noch was muss unbedingt rein, eine tolle Mail. In voller Länge stelle ich sie gleich online, für die Kolumne picke ich was raus.

Aus gegebenem Anlass schreibe ich die Ohne weitere Worte-Kolumne vor. Einige Zitate habe ich schon notiert, hier die „unsportlichen“, da ich sie wegen der anderen sportlichen Zitate nicht alle übernehmen kann, aus Platzgründen. Hier sind sie, als Wort zum Sonntag, in den Blog reinkopiert, bevor … da kommt sie schon …. KKKK.

 

»Eine gerechte Gesellschaft setzt nicht materielle Gleichheit voraus, wohl aber die Möglichkeit, sich gleichberechtigt zu begegnen. (…) Aber selbst im Sport sondern sich die Wohlhabenden inzwischen in der VIP-Lounge, in den USA Skybox genannt, vom Fußvolk der Fans ab. Die ›Skyboxification‹ (…) pflanzt sich durch die Gesellschaft fort, von der Schule bis zur Rente.« (US-Philosoph Michael J. Sandel im Spiegel-Interview)

»Das Erstarken des Rechtspopulismus ist ein Symptom des Scheiterns fortschrittlicher Politik.« (Sandel/Spiegel)

Wenn ich mir die Zahlen anschaue, dann halte ich es nicht für unmöglich, dass mein kleiner Sohn eines Tages in Deutschland zu einer Minderheit gehört. (Harald Martenstein in seiner Kolumne im Zeit-Magazin)

Viele muslimische Zuwanderer (…) halten wenig von Toleranz. So naiv, dass ich an die Allmacht der Sozialpädagogik glaube, bin ich nicht. Sie werden ihre Stärke nutzen, wie Mehrheiten das fast immer tun. (Martenstein/Zeit-Magazin)

Immer mehr meiner Freunde laufen zu den Konservativen über, mehr aus Verzweiflung als aus Überzeugung. (Martenstein/Zeit-Magazin)

„Ich glaube, dass der Kapitalismus unsere Lebensmüdigkeit nur zudeckt. (…) Konsumwahn, Kauflust und das ständige Denken an unsere eigene Sicherheit machen uns wenig Lust auf das Leben. (…) Diese Oberflächlichkeit führt zu Lebensüberdruss. Aber sie führt nicht dazu, dass die innere Leere unserer Gesellschaft reflektiert wird.“ (Schauspieler Edgar Selge im HörZu-Interview)

 

Baumhausbeichte - Novelle