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Montagsthemen (vom 28. Mai)

Wie soll der Junge das bloß verkraften, wie es aushalten? Loris Karius wird viel Mitleid erfahren, Jürgen Klopp, ein guter Christ, wird alles tun, um ihm zu helfen – aber wie könnte man nach solch einem Desaster helfen? Die Bilder werden den Jungen bis an sein Lebensende verfolgen, und sollte Fußball in 100 Jahren noch populär sein, werden diese beiden schrecklichen Szenen immer noch in den Köpfen und Archiven herum spuken. Hoffentlich hat Karius ein besonders dickes Fell. Ein Dünnhäutiger ertrüge es nicht. Es sei denn, er könnte sich glaubhaft das einreden, was eine arge Binse und dennoch wahr ist: Es geht doch nur um Fußball!
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In den ersten Kommentaren zeigte ausgerechnet die Bild-Zeitung mehr Fingerspitzengefühl als die humanistisch gebildete FAZ und der Spiegel. Bild schrieb online zunächst zwar von einem »peinlichen Doppel-Bock«, korrigierte ihn aber schnell zu einem »tragischen«, während FAZ und Spiegel bei ihrem »Slapstick« blieben. Slapsticks sind Sachen zum Lachen. Wer lachte da? Slapstick ist hier ein unmenschliches Wort.
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Ach, komm runter, Kolumnist, von deinem überhöhten moralischen Bock, mach doch mal ein Witzchen, entspann dich. Na gut: Benzemas Tor hätte nicht zählen dürfen. Eine Torvorlage per Hand ist nur durch Einwurf erlaubt.
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Außerdem kippte das Champions-League-Finale schon früher. Durch einen »Monster-Move« wie beim Wrestling: Arm des Gegners einklemmen, nicht loslassen, über ihn abrollen und sich auf den eingeklemmten Arm fallen lassen, um ihm die Schulter zu brechen. Unterschied: Im Wrestling ist die Szene gefaked, das Opfer spielt mit, in einem virtuosen Turniertanz, tut sich nicht weh, und wenn es das Script so will, gewinnt der Geschundene sogar noch. In Kiew nicht. Und der Bösewicht wusste, was er tat. Überhaupt wird Real belohnt, Spiel um Spiel sind sie nur durch Pleiten, Pech und Pannen der Gegner ins Finale gekommen, und dort kulminierte die Ungerechtigkeit der Fußballwelt. Gratulation? Nee, nicht von mir.
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Wenn ich schon mal beim Luftablassen bin: In einem Interview fragt die Süddeutsche Zeitung den Spielerberater Volker Struth: »Verdirbt das viele Geld die Seele des Fußballs?« Klar, nur eine rhetorische Frage. Struth geht dennoch und natürlich scheinheilig auf sie ein: »Die Leute müssen realisieren, dass das Geld nicht dem kleinen Mann aus der Tasche gezogen wird, sondern zum Großteil aus der Industrie und der TV-Vermarktung kommt.« Ach was?! Und von wem holen sich Industrie und Fernsehen das Geld? So viele Säcke, wie Struth mir voll machen will, habe ich gar nicht. Die Nase ist sowieso voll. Das Champions-League-Spiel am Samstag war mein letztes vor dem Bildschirm. Das ZDF darf nicht mehr, ich will nicht mehr. Abo schon gekündigt.
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Nun aber Schluss mit dem unheiligen Zorn. Eine Leser-Mail macht gute Laune. Sie ist sehr lang und daher nur auf unserer  Website unter dem Link »Mailbox« auf www.anstoss-gw.de   in voller Länge nachzulesen. »Ich bin bekennender Hesse seit meiner Geburt«, schreibt Thomas König, »als regelmäßiger Leser gehöre ich zu ihren ›Fans‹. Wir könnten so etwas wie Brüder im Geiste sein, wenn da nicht immer wieder ihre starken Sympathien zu einem hessischen Fußballverein durchschlagen würden, der mir aber auch so ganz und gar am Allerwertesten vorbei geht. Am Samstag aber haben sie einen Vorschlag gemacht, den ich unbedingt unterstützen möchte: Die Fusion zwischen der Eintracht und den Bayern zu einer SGB Eintracht. Ihr Vorschlag würde meine ›Top-2-Kotzbrocken‹ auf einen einzigen reduzieren, sozusagen eine Halbierung meiner Schmerzen. Aber ich befürchte, Ihr Vorschlag wird nur sehr wenige Befürworter finden, und Sie selbst räumen ja ein, dass die Idee nur aus den Nachwehen ihres Pokal-Deliriums erwachsen ist.«
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Und welcher ist Thomas Königs Herzensklub? Unser Leser gibt mir und Ihnen ein Rätsel à la »Wer bin ich?« auf. Der Verein wurde »im Jahre 1946 nur deshalb gegründet, weil ein ›Ritter‹ für seine Jungs einen ›coolen Sportplatz‹ bauen ließ. Dort tobten sich  zunächst Ostpreußen in roten Armee-Trikots aus und fegten wie die Teufel alle deutschen Traditionsclubs jenseits des Weißwurstäquators vom Platz, 1949 gewannen sie sogar die Deutsche Vize-Meisterschaft ….« – Stopp! Ich weiß es. Selbst ich, obwohl ich, »wie Sie schon mal geschrieben haben, gerade in dieser Sportart nur ein Randwissen und -Interesse aufweisen«.
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Stimmt nur halb. Interesse ist da. Und die Freude über Olympia-Silber. Ein ähnlich epochales Ereignis wie der Pokalsieg der Eintracht, beides wird, trotz kleinlicher Krittelei nach der WM, auf ewig in den Annalen des Sports stehen. Wie leider auch die Tragik des Loris Karius.
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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