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Sport-Stammtisch (vom 26. Mai)

Irgendein Fußballmensch, war es Uli Hoeneß?, hat einmal so oder so ähnlich gesagt, die Bayern seien schon an Weihnachten derart weit voraus, dass die Konkurrenz sie nur mit dem Fernrohr sehen könne und schon an Ostern zur Meisterschaft gratulieren müsse. Stimmt ja auch. Meistens. Nur im Pokal, da gelten andere Feiertagsgesetze. Und da Weihnachten, Ostern und Pfingsten im Jahr 2018 auf einen Tag fielen, sahen Hummels und Süle nur mit dem Fernrohr, wie ihnen Rebic und Gacinovic davonliefen, und deshalb ließ Zwayer zuvor zumindest nach fußballhessischem Rechtsempfinden verdiente Gnade walten.
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Dass Eintracht Frankfurt den DFB-Pokal gewinnt, hätten wir aber schon wissen können, als die Bayern Niko Kovac’ Verpflichtung bekannt machten. Sie holen ja immer denjenigen, der ihnen am meisten weh tut. Die alte Makaay-Strategie. Hat zuletzt auch gegen den BVB prima geklappt. Dass sie dies jetzt schon einige Wochen vorher wussten und zur Tat schritten, verblüfft dann aber doch. Hellseher?
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Jetzt sollten sie Nägel mit Köpfen machen. Ante Rebic, klar. Ist schon im Gespräch. Dazu sein »Bruda« Boateng. Kovac-Bruder Robert sowieso, beide gibt es nur im Paket. Und Fredi Bobic, der große Unterschätzte. Und Bruno Hübner, ebenfalls lange unterschätzt (auch von mir; Schande!). Und und und … und dann fusionieren wir mit Bayern zur SGB Eintracht.
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Entschuldigung, liebe Leser. Das sind Nachwehen des Pokal-Deliriums. Der nichts weniger als epochale Triumph ging auch am Kolumnisten nicht spurlos vorüber. Dirk Loburg mailt: »Vermutlich freuen Sie sich mehr, als Sie es in den Kolumnen zugeben würden.« Unser Gießener Leser ergänzt: »Ihre Einschätzung zum ›Videobeweis‹ teile ich übrigens vollumfänglich. Dieser sollte nur eine Hilfe für den Schiri sein. In der jetzigen Form geht die Tendenz eher in Richtung Sabotage eines gut gemeinten Gedankens.« So isses. Und dass der verweigerte Elfmeter keine Fehlentscheidung war, diese Einschätzung habe ich nun doch nicht exklusiv. Mittlerweile gehöre ich immerhin zu einer wachsenden Minderheit. Dass Martinez aus diesem Foul, das eines war, aber nur ein kleines, ein großes machen wollte und dabei – wie der Hesse sagt: »dappisch un üwwerzersch« – überzogen hat, ist sogar schon mehrheitsfähig. Erinnerte mich an einen Film mit dem französischen Komiker Pierre Richard, der absichtlich hinfiel, indem er ein Bein in die Luft warf und erst danach sein Standbein wegzog.
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Letzte Anmerkung von Wolke sieben: Am 31. August werden die Gruppengegner in der Europa League ausgelost, tags darauf steigt Thorsten Legat, Heynckes’ Liebling aus unseligen Zeiten, in den »Mixed Martial Arts«-Käfig, um sich mit einem »Fitnessmodel« zu kloppen. Trash in Reinkultur. Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen, würde Marx … na ja, in diesem Fall vielleicht doch nicht sagen.
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Hellsehen ohne es zu wissen, ein Foul, das kein Foul war, weil am Foul etwas faul war – klingt fast schon kafkaesk. Fehlt noch Franz Kafkas Schwimm-Olympiasieger, der nicht schwimmen kann (womit ich die Auflösung der letzten »Wer bin ich?«-Runde vorweg nehme). Oder der Fußball-Star, der nicht fußballspielen kann. Kafkas (Nicht-)Schwimmer gibt es nur literarisch, den Nicht-Fußballkönner aber in echt. Er heißt nicht Kafka, sondern Kaiser, und eigentlich wollte ich ihn erraten lassen, doch dann machte seine Geschichte die mediale Runde, zum Beispiel in der Süddeutschen Zeitung (»Der Blender von Rio«), und die WBI-Kenner hätten zu leichtes Spiel gehabt.
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Aber die Schote von Carlos Kaiser, heute 54, ist zu schön, um sie hier nicht wenigstens in Kurzform nachzuerzählen: Er war Stürmer, hatte Verträge bei brasilianischen Spitzenklubs wie Flamengo, Fluminense oder Botafogo, aber auch im Ausland (u.a. bei Argentiniens Weltpokalsieger Independiente), schoss aber in den 26 Jahren seiner »Karriere« kein einziges Tor, ja, er spielte so gut wie nie. Sobald er irgendwo, nach großem Ballyhoo, einen neuen Vertrag bekam, meldete er sich verletzt. Dennoch war er beliebt bei Fans und vor allem bei den Mitspielern, für die der schwarzgelockte Beau eine Art Gute-Laune-Onkel war, ihr Animateur und Connaisseur der tollsten Frauen, besten Nachtklubs und günstigsten Edel-Schnäppchen. Er flog nie auf, denn die Mitspieler deckten ihn, und Entlarvung durch Google, statistische Daten und Videos gab es noch nicht, sondern nur der selbstgebastelte Mythos und die Mund-zu-Mund-Propaganda. Heute ist Carlos Kaiser Fitness-Trainer, wurde zu Brasiliens Fitness-Coach des Jahres gewählt, und wie man hört, hat er diesen Wettbewerb selbst erfunden.
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Schöne Geschichte. Wunderbarer Fake. Als mancher Fan der Frankfurter Eintracht am Sonntag aufwachte, befürchtete er, ebenfalls einem Fake, einem Wunschtraum zum Opfer gefallen zu sein. Heute können wir die Gefühle runterpegeln und ganz entspannt dem Champions-League-Finale zuschauen, mit ein bisschen Daumendrücken für Klopp. Wenn die Vorhersagen eintreffen, dürfen wir uns auf ein Torfestival einstellen, so ungefähr auf ein 6:2 für Liverpool. Oder 7:3 für Real? Wie am 18. Mai 1960 in Glasgow? Beim legendären Europapokal-Finale? Als (siehste, FC Bayern!) die Verlierer nach dem Schlusspfiff Spalier standen und, Beginn eines Rituals,  dem Sieger applaudierten? Und der Winner als Verlierer … Eintracht Frankfurt hieß!  – Und schon fangen wir wieder an zu träumen (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle