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Paul-Ulrich Lenz: Sie können mich immer wieder verblüffen …

…. Ich wäre wohl nie darauf gekommen. Seit wann ist das ein Kriterium: „beruflich erfolgreich bzw. gewesen, materiell abgesichert, oft Akademiker, oft ehemals erfolgreiche Sportler.“ Das trifft auf mich in Maßen auch alles irgendwie zu. Nur: Für welche ethische Qualität ist das ein Kriterium? Führt das zu einer Sicht, die auf die Einheit der Gesellschaft setzt? Zu einer Sicht, die sich an den schwachen Schultern orientiert? Zu einer Sicht, die nicht immer nur selbstbesoffen die eigenen Glanzleistungen feiert und alle anderen für Taugenichtse hält? Sind solche Leute, weil Ihre Aufzählung zutrifft, auch gleich schon human standfest? Nicht verführbar? Nicht anfällig für die Angst, dass die Fremden uns nicht das Häuschen und den hart erarbeiteten Wohlstand wegfressen, ihre Geburtenrate die Bio-Germanen zur Minderheit werden lässt?
Es sind, denke ich, nicht so wenige, die täglich dankbar für Erdogan sind. Endlich haben wir wieder einen bösen Türken, der es uns erlaubt, alle Türken unter Verdacht zu stellen. – Nein, so höre ich von Rechts. So sind wir nicht. Doch, genau so ist es mit unserer Gesellschaft.
Seit die Türken vor Wien standen – das ist schon eine Weile her – gibt es in Europa eine diffuse Angst vor ihnen. Ich fürchte, Frau Weidel ist näher am Denken der Mitte dran, als es einem lieb sein kann. Diese Dame bedient sehr gekonnt tiefsitzende Ressentiments, die es in der bundesdeutschen Wirklichkeit schon immer gibt. Gleichwohl ist das billigste Demagogie. Dem gegenüber wirkt das Sommermärchen wie ein gesellschaftlicher Ausrutscher genau wie die Willkommenskultur. Die Erfolgreichen – zumindest viele – mögen diesen Pöbel aus Anatolien, Syrien und anderswo nicht.
Ich traue Leuten nicht, deren beruflicher Erfolg wesentlich darin besteht, dass sie andere Manager dabei beraten, wie man die Rendite einer Firma, Aktiengesellschaft, eines Unternehmens in den Finanz-Himmel steigert, völlig unbekümmert darüber, ob dafür  Menschen an der Basis freigesetzt werden müssen.
Mich friert es, wenn ich das kalte Gesicht dieser Dame sehe, die das Aushängeschild der AfD geworden ist und neben ihr in der englischen Jacke den Großvater-Typ, der in der Rolle des Biedermanns doch nur ein Brandstifter ist. Das ist gekonnt, aber gleichwohl zum Kotzen.
Sie müssen das alles nicht abdrucken. Ich gestehe, dass ich Sie noch mehr schätzen würde, wenn Sie die Koketterie aufgeben könnten:  „Ich hoffe zu meinen Gunsten, ich wäre entsetzt. Ich fürchte zu meinen Ungunsten, ich könnte vielem zustimmen.“ Vielleicht ist es in diesen wirren Zeiten an der Zeit, sich eindeutig zu positionieren. Ich ahne, dass das für Journalisten fast noch schwieriger ist als für Pfarrerinnen und Pfarrer. Ich hoffe immer noch zu Ihren Gunsten.
Ich erlaube mir, einen Text einzufügen, von dem ich mir gut vorstellen kann, dass sie ihn statt meiner langen Mail abdrucken. Kommentarlos.

Viermal hatte die Sonne den kleinen Hügel am Hochmoor beschienen, viermal bedeckte ihn der hohe Schnee. Nichts hat sich in dieser Zeit geändert in der Kolonie der Lemminge. Dennoch erfasste die Tiere auf einmal eine tiefe Unruhe. Dann brachen sie auf, einfach, schlicht, wie die Flut, die den Damm bricht. Einer fragte: ,Wer führt denn vorne eigentlich an?‘ Die anderen entgegneten: ,Irgendeiner wird’s sein.‘ ,Hat er denn einen festen Plan?‘, wollte der eine wissen. ,Millionen von uns wandern in dieser Richtung. Kön­nen Millionen irren?‘ Sie kamen an den Felsen, der senkrecht ins Meer abfällt; sie drängten weiter. Der eine sagte, während er hinabstürzte: ,Man wäre vielleicht doch besser gewandert mit einem kundigen Anführer.‘ ‚Unsinn‘, erwiderten die anderen. ,Merkst du nicht, wie gut wir vorankommen? Jetzt fliegen wir sogar!'“ (Kurt Kauter) Es kommt eben nicht darauf an, dass man jemandem nachläuft, sondern wem man folgt!

Pfingsten,  das ist das Fest, an dem der Geist weht. Wo er will. Meine Hoffnung ist, dass er den armseligen Krämer-Geist, der in unserer Gesellschaft mehr und mehr das Sagenb ekommt, kräftig durchpustet. Aufmischt.
Ach ja, zwei Buchempfehlungen habe ich noch für Sie: Edwin Klein – Bittere Siege (schon verdammt lang her) und Juli Zeh – Leere Herzen. (Paul-Ulrich Lenz, Pfr.i.R.
/Schotten)

Baumhausbeichte - Novelle