Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Die wahre Hoch-Zeit („Anstoß“ vom 22. Mai)

Wenn verrückte Wünsche in Erfüllung gehen, gibt es tatsächlich das »Eintel für beide« (»Sport-Stammtisch« vom Samstag). Wen interessierte noch die Hochzeit in London, als fünf Stunden später in Berlin die wahre Hoch-Zeit gefeiert wurde! Sportchef Fredi Bobic nannte die Pokal-Sensation ein »epochales« Ereignis – fast eine Untertreibung, zumindest aus Frankfurter Sicht, denn dieser Freudenvulkan, der am Samstag ausbrach, wird bei den Fans noch lange nachbeben und sie immer wieder in lustvolle Wallung bringen.
*
chhEin Blick zurück und auf ein altes Bild im Fotoalbum macht die historische Dimension deutlich: Ein Bub im damals aktuellen Eintracht-Trikot, frühe 90er Jahre im alten Waldstadion. Vom Papa mit dem Eintracht-Bazillus infiziert, seitdem unheilbarer Fan mit dem Adler im Herzen. Kurz danach kam Heynckes und mit ihm die erste Talfahrt des Schreckens.  Jahrzehnte vergingen, mittlerweile ist der Bub 35 und selbst Papa. Der Pfingstsamstag 2018 muss ihn für alle Enttäuschungen seines Eintracht-Lebens entschädigt haben.
*
Verdient oder unverdient? Müßige Frage, weil egal; und, alte hessische Weisheit, egal is en Handkäs. Eine Frankfurter Eintracht kann, nüchtern betrachtet, nicht rein fußballsportlich »verdient« gegen die übermächtigen Bayern gewinnen, sondern nur mit Herz, Kopf, Kampf und viel Glück. Aber das Glück hat sie sich verdient. Mit einem Kovac, der die bessere Spielidee hatte als Heynckes. Die Bayern dagegen schienen gar keine zu haben, falls doch, ist sie bei den Spielern nicht angekommen.
*
Dritter und entscheidender Knackpunkt (zu den beiden ersten später): das Foul von Prince Boateng. Elfmeterreif, keine Frage. Aber hätte Zwayer den Strafstoß unbedingt geben müssen? In letzter Minute ein Spiel kippen, wegen eines erkennbar unbeabsichtigten Fouls und ebenso erkennbarer Theatralik des Gefoulten? Wieder und wieder, schon länger, als der Bub Eintracht-Fan ist, habe ich die »Video-Hilfe« beschrieben als einzig sinnvolle Form des sogenannten Video-Beweises, der die Schiedsrichter in der vermasselten Testphase enteiert statt gestärkt hat. Und jetzt, leider zu Lasten der Bayern, erlebt sie ihre Premiere in Reinkultur: Heikle Szene, Schieri sieht sie sich noch einmal an – und entscheidet nach eigenem Ermessen und Fingerspitzengefühl, denn er hat die Oberhoheit auf dem Platz. So soll es sein. Ich weiß, dass ich diese Meinung ziemlich exklusiv habe. Aber so hätte ich auch im umgekehrten Fall argumentiert. Nur nicht ganz so freudig …
*
Erster Knackpunkt: Boatengs superspielintelligenter Sensationspass auf Rebic zum 1:0. Zweiter, ein noch härterer Wirkungstreffer, als Rebic vor dem 2:1 Hummels stehen ließ. Wäre Hummels schneller, spritziger, ich hielte ihn für den besten Innenverteidiger der Welt; so aber, obwohl mit Köpfchen, Stellungsspiel und Routine das Manko bekämpfend, wird er mit zunehmendem Alter, in dem man bekanntlich nicht schneller wird, auch zunehmend zum Sicherheitsrisiko. Dazu ein schwächelnder Kimmich, Jerome Boateng verletzt und fraglich, Neuer ohne Spielpraxis, Müller auch nicht mehr der alte freigeistige Quirl – kein gutes Omen für die WM.
*
Oder doch? 1954 verlor der 1. FC Kaiserslautern, der FC Bayern seiner Zeit, das deutsche Endspiel gegen Hannover 96 mit 1:5, mit fünf späteren Weltmeistern (Fritz und Ottmar Walter, Kohlmeyer, Eckel, Liebrich). Danach gab es Diskussionen, was Herberger mit den gedemütigten Verlierern bei der WM überhaupt wolle. – Wiederholung erlaubt.
*
Die Bayern seien schlechte Verlierer gewesen, heißt es mehrheitlich, aber mit wenig Empathie. Ich habe Verständnis für die Enttäuschten. Spalier stehende Bayern, die dem Sieger traurig, aber sportlich fair applaudieren, das wäre zwar eine große sportliche Geste gewesen, aber diese Bayern-Generation – auch wenn es jetzt süffisant klingt, es ist ernst gemeint – weiß ja gar nicht mehr, wie man sich in einer solchen Situation verhält. In nationalen Endspielen mussten in den letzten Jahren immer die anderen Spalier stehen, in internationale Endspiele sind sie erst gar nicht gekommen. Jetzt wissen sie es. Und könnten nächstes Jahr Spalier stehen. Aber dann holen sie das Triple. Als ausgleichende Gerechtigkeit.
*
Pfingsten pfing ja schon gut an … meinen uralten Kalauer wollte ich eigentlich in Frieden ruhen lassen, aber so gut wie diesmal fing Fingsten wirklich noch nie an. Epochal! (gw)
*
(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle