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Pfingstsonntag, 20. Mai, 6.40 Uhr

Der Bub, im Eintracht-Trikot, im alten Waldstadion. Vom Papa mit dem Eintracht-Bazillus infiziert, seitdem unheilbarer Fan. Wo ist das Foto? Bei ihm? Wenn ich morgen die Kolumne schreibe, werde ich es vielleicht in den Text einklinken. Mittlerweile ist der Bub 35 und selbst Papa. Der Tag gestern muss ihn für alle Enttäuschungen seines Eintracht-Lebens entschädigt haben.

Gestern im und nach dem Spiel einige Stichwörter gekritzelt. Kaum zu entziffern. Ich versuche es mal, sie zu enträtseln und hier im Stein(es)bruch für die Kolumne zu lagern:

Kovac hatte die bessere Spielidee als Heynckes. Der hatte gar keine.

Hummels beim 1:2 zu langsam (wäre er etwas spritziger, wäre er für mich der beste Innenverteidiger der Welt; so aber, obwohl mit Kopf und Routine das Manko bekämpfend, wird er mit zunehmendem Alter, in dem man bekanntlich nicht schneller wird, zunehmend zum Sicherheitsrisiko.)

Kein gutes Omen für die WM. (neben Hummels: Kimmich schwächelt, Boateng verletzt und fraglich, Neuer ohne Spielpraxis, Müller auch nicht mehr der alte Quirl)

Besseres WM-Omen: 1954. (damals verlor der 1. FC Kaiserslautern, der FC Bayern  seiner Zeit, das deutsche Endspiel gegen Rot-Weiß Essen mit fünf späteren Weltmeistern, ich glaube, mit 4:5. Danach gab es Diskussionen, was Herberger mit den gedemütigten Verlierern bei der WM überhaupt will. – Wo die Parallele aufhört: Bei Rot-Weiß Essen, quasi die Eintracht in diesem Finale, spielte der spätere Siegtorschütze von Bern mit.)

13.00 Uhr: So ein Quatsch! Ich lasse es zur Strafe stehen und hänge nur die Korrektur von Pfarrer Ulrich Lenz an: „1954 gewann Hannover 96 unter Fifi Kronsbein mit 5:1 gegen den 1. FC. Kaiserslautern. Kein Hannoveraner im WM-Kader, aber fünf von den Verlierern. Von RW Essen war im Endspiel keine Rede, nur von Rahn im WM-Endspiel.“

 Hochzeit in London? Die wahre Hoch-Zeit des Tages begann erst um 20 Uhr.

Video-Hilfe! (wie lang und breit habe ich sie beschrieben! Länger, als der Bub Fan ist. Als einzig sinnvolle Version des sogenannten Video-Beweises. Und jetzt, zu Lasten der Bayern, erlebt sie ihre Premiere in Reinkultur: strittige Szene, Schieri sieht sie sich  noch einmal an – und entscheidet nach eigenem Gefühl, denn er hat die Oberhoheit auf dem Platz, auch über die Video-Hilfe. So soll es sein. So hätte ich auch im umgekehrten Fall gedacht. Nur nicht ganz so freudig …)

Das Eintel für beide, es ist da! (muss noch mal nachschauen, wie das Eintel mathematisch genau definiert wird.)

Ein Single kommt selten allein (war das nicht mal ein Film-Titel?)

Rebic! (habe ich ihn nicht mal als „ekligen“  Spielertypen beschrieben, gegen den niemand gerne spielt, den aber jeder gerne in seiner Mannschaft hat? Bei der WM hoffentlich nicht erneut ein Schreckgespenst vor allem für Hummels)

Verdient? Natürlich waren die Bayern besser. (rein fußballsportlich „verdient“ kann eine Frankfurter Eintracht nicht gegen die Bayern gewinnen, nur mit Herz, Kopf, Kampf und viel Glück)

Europapokal! (unter tausendfach besseren Bedingungen als mit Platz sieben, dem Schleudersitz)

Schlechte Verlierer. (nein, würde ich heute nicht mehr sagen. Spalier stehende Bayern, die traurig, aber sportlich fair applaudieren, das wäre zwar eine große sportliche Geste gewesen, nach der den Bayern selbst von ihren Hassern die Herzen entgegengeflogen wären, aber – auch wenn es jetzt süffisant klingt, es ist ernst gemeint -, diese Bayern-Generation weiß ja gar nicht, wie man sich in einer solchen Situation verhält: In nationalen Endspielen mussten in den letzten Jahren immer die anderen Spalier stehen, in internationale Endspiele sind sie erst gar nicht gekommen. Jetzt wissen sie es. Und könnten nächstes Jahr Spalier stehen. Aber dann müssen sie nicht, denn sie holen das Triple. Als ausgleichende Gerechtigkeit, es sei ihnen zu gönnen, auch von Eintracht-Fans)

Pfingsten pfing … (In unserer Gießener Ausgabe gab mir die Kollegin „kw“ am Samstag in ihrer Kolumne die Ehre, meinen uralten Pfingst-Gag zu erwähnen; eigentlich wollte ich ihn in Frieden ruhen lassen, habe ich letztes Jahr sogar schon, glaube ich, aber jetzt böte sich für die morgen zu schreibende Kolumne an, sie nicht damit zu beginnen, sondern zu beenden, ungefähr so: „Pfingsten pfing ja schon immer gut an, aber so gut wie in diesem Jahr fing Fingsten noch nie an … und hörte noch besser auf)

So, alle Kritzelei entziffert und ergänzt, das ist ja schon fast die Kolumne, die am Dienstag nicht mehr Montagsthemen heißt (den „Anstoß“-Titel denke ich mir morgen aus). Auf dem Zettel stehen nur noch zwei Notizen weit ab vom sporthistorischen Ereignis. Zu Sandro Wagner: Die Entscheidung gegen ihn war keine für Petersen, sondern für Gomez (und die ist richtig). Löw wird nicht drei Stürmer (Werner, Gomez, Petersen) mitnehmen, höchstens zwei (Werner, Gomez), vielleicht nur einen (Werner), denn wen aus der Schar der spielstarken Weltklasse-Offensiven von Özil bis Reus sollte er für einen Petersen opfern? Letzte Notiz, weit ab vom Frankfurter Pfingst-Schuss: Funkel sagt, „man darf sich als Trainer nicht allzu wichtig nehmen“. Wichtig zu nehmende Ergänzung: nicht nur als Trainer, vor allem auch als Mensch.

Schluss für heute. Beim Nachlesen festgestellt: Das könnte ja schon die Kolumne sein. Spontan und unverstellt, nicht stilistisch geglättet, nicht geschmeidig, mehr Sandro Wagner als Jens Petersen, aber das traue ich mich nicht. Da mache ich lieber den Löw. Morgen. Und jetzt: KKKK.

 

 

 

Baumhausbeichte - Novelle