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Sport-Stammtisch (vom 19. Mai)

Wir warten aufs Finale. Hessisches Motto: Eintel für beide! Unrealistisch? Ja, klar, da ist der Wunsch der Opa des Gedankens – aber nicht ganz weit weg von der gefühlsbeherrschten Fußball-Welt, wenn ein enttäuscht angeknackster Favorit eine Pflichtübung abarbeiten muss und auf einen fröhlichen Außenseiter trifft, der mit Schwung und Freude einen Festtag feiert.
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Danach geht Niko Kovac, es kommt Adi Hütter. Nur in Fachkreisen bekannt (mir also nicht), aber schon heiß diskutiert. Doch wer jetzt schon eine Meinung zu Hütter hat, hat eine Meinung zu viel.
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Bekannter als Hütter ist der Verein, von dem er kommt. Schon als Junge faszinierte mich der ungewöhnliche Name: Young Boys. Solche Rätsel löst heute Wikipedia mit einem Klick: In Bern gastierten 1898 die Old Boys Basel. Einige Gymnasiasten waren begeistert, gründeten einen eigenen Klub, eben die Young Boys Bern.
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Auch die Old Boys waren zuvor Young Boys. Als Baseler Schüler nach der Matura naturgemäß nicht mehr im Schulteam mitkicken durften, gründeten sie einen Verein und nannten ihn, weil sie nun ja schon groß waren, FC Old Boys Basel.
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Dass Hütter aus Bern nach Frankfurt kommt, nehmen wir als gutes Omen. Die Young Boys spielen im Stade de Suisse auf dem heiligen »deutschen« Boden des Wankdorf-Stadions. Andere Omen vergessen wir lieber. Auch Gernot Rohr und Martin Andermatt stehen in der Berner Trainerliste, Namen, an die man sich in Frankfurt nicht übermäßig gerne erinnert.
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Aber endlich zum Aufreger der Woche. Özil, na ja, aber Gündogan ist doch ein schlauer Junge! Bisher dachte man, er sei auch ein kluger Junge. Wo waren die Berater!? Das PR-Desaster trägt ihre Unterschrift. Was machen sie eigentlich, außer Klubs und (eigene) Spieler abzuzocken? Sie drehen am Wechsel-Karussell, weil jeder neue Vertrag neue Kohle bringt. Sind sie nur Karten-Abreißer am Kirmes-Karussell? Einige sehen auch so aus.
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Aus der FAZ erfahre ich, dass Erkut Sögüt der Berater von Özil und Gündogan ist. Sögüt arbeitet auch für das ARP-Sportmarketing. Der Chef dort heißt Harun Arslan. Er ist der Berater von Bundestrainer Löw. Gündogan übrigens soll in ein großes Bauprojekt in der Türkei investieren, da schaden gute Beziehungen zu Erdogan nicht. Das alles nur nebenbei.
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Emre Can, der Frankfurter Bub aus Liverpool mit türkischen Wurzeln, hat das Ansinnen der Erdogan-PR-Truppe abgelehnt. Leider kam er verletzungsbedingt nicht für eine WM-Nominierung in Frage. Löw sollte ihn honoris causa mitnehmen.
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Sandro Wagner war ihm wohl nicht honorig genug. Petersen statt Wagner, das ist zwar sportlich »gehuppt wie gesprunge«, aber typisch Löw. Er bevorzugt Mamas liebste Schwiegersöhne. Wilde Kerle von der Gass’ bleiben draußen. Der arme Sandro. Hatte doch schon soo viel Kreide gefressen!
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Noch’n Aufreger, ähnlich dämlich wie der doppelte Kotau vor Erdogan: Die Russen wollten dem ARD-Dopingjournalisten Seppelt das WM-Visum verweigern. Ich kann die Wut der Russen zwar nachvollziehen, aber Seppelt derart aufzuwerten, war nur … dämlich. Hätte er bei einer bösen Fee einen Wunsch frei gehabt, er hätte gebittet und gebettelt: Lass sie mir das Visum verweigern!
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Die Russen sind für uns die idealen Prügelknaben. So schuldig wie alle anderen, aber ihre Schuld ist – anscheinend? scheinbar? – beweisbar. Nur: Der Kronzeuge, einer der schlimmsten und verantwortlichsten russischen Doping-Drahtzieher, ist ein Überläufer, ein Verräter, der alles daran setzt, seine alten Freunde noch mieser zu machen, als sie sind, um den neuen Freunden so viele Gefallen wie möglich zu machen. Je mehr einer weiß, desto mehr kann er einem weismachen. Interessant auch, dass das Russengift von London, wie jetzt bekannt wurde, schon seit den 90er Jahren  im Westen kursierte … ach, was geht mich das an. Ich schreibe nur eine Sportkolumne.
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Und am liebsten Randnotizen abseits des großen Sports. Kleine Radrundfahrt in der Region. In einem Dorf steht ein Junge, etwa acht Jahre alt, auf einer Steinsäule, die ungefähr eineinhalb Meter hoch ist. Vor ihm der Papa, der seinen Bub offenbar hochgehoben hat und fotografieren will. Der Junge dort oben hat Angst, kneift sich mit den Händen sein Pipi zusammen, um nicht in die Hose zu machen. Der Papa denkt nur an das Foto-Motiv. Er wird die Szene schnell vergessen. Der Junge nie.
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Jetzt aber Schluss. Ich muss zur Demo. Gegen Antisemitismus und Islamhass. Die Kippa ist schon gebastelt, das Kopftuch meiner Mutter aus dem Gerümpel auf dem Dachboden herausgekramt. Kippa auf und Kopftuch umbinden? Dann geht eine Botschaft verloren. Also die Kippa aufs Kopftuch heften. Ich meine es doch nur gut! (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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