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Alttag ist nie Alltag (Senioren-Journal vom 19. Mai 2018)

Die Leser der Allgemeinen kennen »gw« vor allem als »Anstoß«-Kolumnisten. Seit Gerd Steines sich von der Redaktion in den Ruhestand verabschiedet hat, lässt er uns an seinem »progressiven Alttag« teilhaben

Mein progressiver Alttag ist nie Alltag, sondern ein ständiger Ausnahmezustand. Er beginnt schon mit dem ersten Mausklick für diese Kolumne, denn der muss ein Doppel-Klick voran gehen. Was Jüngeren alltäglich leicht von der Hand geht, gerät der älteren Hand zum Wettkampf mit der Zeit. Ich muss ihn unbedingt gewinnen, um überhaupt mit dem Schreiben beginnen zu können.

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Sieg! Und das, obwohl die Runzelhand durch eine Arthrose im Daumengrundgelenk doppelt gehandicapt ist. Ein Erfolgserlebnis, um das mich Jüngere … nein, beneiden werden sie mich nicht. Aber ihr Mitleid will ich auch nicht. Außerdem doppelklicke ich bald schneller als jeder junge Nerd. Wenn das mit dem Zittern so weiter geht …

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Die alttägliche Diskriminierung dagegen ist eine alltägliche. Wie auf diesem Befund vom Augenarzt: »Cataracta senilis« und »Netzhaut-Degeneration«. Senil und degeneriert? Kann man das nicht etwas gerontophiler ausdrücken? Auch für die verdächtige Ausbeulung an meiner Schläfe hätte ich gerne einen weniger peinlichen Befund als die zwar beruhigende, aber überdeutlich deutsche »Alterswarze«.

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Ein anderes Altersproblem hatte ich nur in der Jugend. Was mache ich bloß, wenn die senile Kopfhaar-Degeneration beginnt? Lange und bange bildete ich mir ein, dass die Gene eines Neandertalers an meiner Kopfform mitmodelliert haben mussten. Zurückgehender Haaransatz würde diese Blöße gnadenlos aufdecken und mich zum Gespött machen, vor allem der Mädchen. Ich war mir sicher. Nun ist es soweit. Niemand spottet. Kein Mädchen kichert. Niemanden interessiert es. Nicht mal mich.

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Diese Art der Gelassenheit gehört zu den erfreulichen Vorteilen des Alters. Der junge Mensch ist eine offene Wunde, die beim alten längst vernarbt ist. Was aber nicht bedeutet, dass, wie ich irgendwo gelesen habe, das Erregungspotenzial im Alter schwindet. Im Gegenteil. Manchmal genügt bei mir ein einziges Wort, und ich errege mich in ohnmächtiger Wut. Sagen Sie jetzt bitte nicht »Trump«, sonst …

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Schon gut. Ich rege mich ab. Das alte HB-Männchen geht zwar noch an die Decke, kommt aber schneller runter. Auch das ein Vorteil des Alters: Man hat sich besser im Griff. Auch wenn’s innerlich brodelt.

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Was überhaupt braucht es, um gut zu altern? Darauf die französische Schriftstellerin Virginie Despentes im SZ-Interview: »Dass man früher dran denkt.« Was aber die wenigsten tun. Daher sind wir hier im Senioren-Journal auch unter uns. Oder liest die Jugend etwa mit? Falls ja – bitte melden!

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Auch ich habe erst spät daran gedacht. Doch schon der Slogan eines Haarwuchsmittels der 50er Jahre wusste: »Es ist nie zu spät und selten zu früh für … Diplona«, junge Neandertaler und alte Doppelklicker. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle