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Eigentlich kann ich … (“Wer bin ich?” vom 17. Mai)

Überschwänglich begrüßten mich die Menschen, als ich von den Olympischen Spielen zurück kam, bei denen ich die Goldmedaille in einer Kernsportart gewonnen und dabei sogar einen Weltrekord aufgestellt hatte. Verblüfft sah ich vor dem Bahnhof meiner Heimatstadt in die jubelnde Menschenmenge. Die sind alle wegen mir gekommen? Ich konnte es nicht glauben.
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Es schien mir unwirklich. Alle wussten, dass ich Olympiasieger geworden war, aber ich kam nicht in Feierlaune. So ähnlich muss es den Münchner Bayern bei ihren Meisterfeiern gehen, wenn sie gerade erst kurz zuvor aus dem Europapokal ausgeschieden sind. Sie wissen, es gibt nichts zu feiern, aber alle erwarten von ihnen, dass sie ausgelassen feiern und glücklich sind.
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Ein Mädchen kam auf mich zu, ein Käfer krabbelte über ihre Wange, ich strich ihn ihr weg, sie hängte mir ein buntes Band um, auf dem stand: »Dem olympischen Sieger.« Mir also. Tatsächlich. Ich konnte es zwar immer noch nicht glauben, aber die Tatsache selbst war unzweifelhaft. Wahrscheinlich ging es mir wie denen, die in späteren Jahren ungläubig stammeln sollten, dass sie »das alles erst in einigen Wochen realisieren« könnten.
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Eine schwere Limousine fuhr vor, ich wurde hineingedrängt, auch der Bürgermeister fuhr mit. Als wir im Festsaal eines Schlosses ankamen, sang ein Chor, alle erhoben sich, Sprechchöre ertönten, sogar ein Minister gab mir die Ehre – das volle Programm.
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Ich schaute mich um. Rechts neben mir saß die dralle Frau des Bürgermeisters, mir gegenüber ein dicker Mann mit bleichem Gesicht, neben ihm zwei junge schöne blonde, albern gickelnde Mädchen. Komisch kam mir vor, dass einige der Festgäste mit dem Rücken zum Tisch saßen, so ähnlich wie beim Mainzer Fernsehkarneval, wenn sich die Promis auf ihrer Bank zum Büttenredner hin wenden. Ich lächelte die Mädchen an und zeigte auf die Rücken, doch da schwiegen sie plötzlich und lächelten geheimnisvoll zurück.
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Ein Gong ertönte, der Dicke stand auf und räusperte sich. Aha, der Festredner! Wohl nervös, daher so bleich. Ein Politiker? Verbandsmensch? Ich hörte ihm kaum zu, verstand kein Wort, denn ich war fasziniert von seinem fahlen, weißen, teigigen Gesicht. Immer wieder zog er ein Taschentuch hervor und wischte sich den Schweiß ab. Aber nur scheinbar. Denn ich beobachtete ihn genau und sah, dass er sich nicht den Schweiß, sondern Tränen abwischte. Ein quälender Prozess. Es berührte mich sonderbar, dass ein erwachsener Mann, offenbar ein wichtiger Mensch, vor Rührung weinte, nur weil ich Olympiasieger geworden bin.
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Als er fertig war, stand ich auf und hielt ebenfalls eine Rede. Es drängte mich dazu, denn ich wollte unbedingt etwas aufklären. »Liebe Gäste, ich weiß, dass ich Olympiasieger geworden bin, dass ich einen Weltrekord aufgestellt habe, aber wie ich das geschafft habe, weiß ich immer noch nicht. Mir geht ständig durch den Kopf, wie alles angefangen hat, wie es dazu kam, dass mich mein Heimatland zur Olympiade geschickt hat und warum ich jetzt in einem Land geehrt werde, das nicht mein Heimatland ist. Es ist im Wortsinn unfassbar. Der nackte Wahnsinn! Denn eigentlich kann ich …«
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Tja, was kann er eigentlich? Und in welchem Sport? Das ist die erste Frage. Die zweite: Wem hat er die Ehrung zu verdanken, wer hat ihn zum Olympiasieg geführt? Wer beides weiß, gewinnt keine olympische Goldmedaille, stellt keinen Weltrekord auf, sondern sammelt zwei WBI-Punkte. Aber nur, wenn er sich beeilt. Die Olympianorm für die Teilnahme muss bis Montag (21. Mai) erfüllt sein.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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