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Sport-Stammtisch (vom 12. Mai)

Platz sechs wäre die Wonne, Platz acht für die Tonne – und dazwischen droht der Kölner Schleudersitz. Er katapultiert nach oben, taumelt quer durch europäische Randgebiete und stürzt dann ab. So viel zu Frankfurt, und jetzt: Daumendrücken.
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Entspannter schauen wir Hessen nach oben (geographisch) und unten (tabellarisch), wo zwei Nordlichter flackern. Erlöschen beide, geht ein neues auf, und das Seemannswort »kieloben« würde fußballerisch ab sofort in zwei Wörtern geschrieben: Kiel oben.
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Na ja. Nicht übermäßig originell. Zumindest nicht im Vergleich mit Ludwig Harig, dem großen deutschen Schriftsteller, der ein ebenso großer Fußball-Fan war. Ja, war, denn er ist am vergangenen Wochenende gestorben. Seine Fußball-Gedichte leben weiter. Das Linienrichterpaar erzürnt den Chor der Brüller. / Ein Flankenball von Kaltz, ein Pass von Hansi Müller / schlägt wie ein Schnabelhieb dem spröden Abwehrblock / die Spalte tief bis hin zur Fahne auf dem Pflock, / wo Rummenigge steht; Vollstrecker und Erfüller.
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Kaltz, Müller und der Vollstrecker – schon eine Weile her. Aber ewig aktuell: O abgetropfter Ball! O eingeschlenztes Leder! / Der fußerzeugten Kunst begleicht und opfert jeder / Tribut und Obolus im hirnverzückten Schrei. / Die Sieger tanzen auf, leicht wie die Adlerfeder, / im Arme liegt und küsst und tröstet sich jedweder / in diesem Augenblick: gewonnen drei zu zwei! – Zum Beispiel auf Schalke.
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So nett, das Sonett. Fehlt nur noch Heinz Erhardt. In seinem berühmten Gedicht über den Fußball, den man »meistens immer mit der unteren Figur« spielt, fasst er Sinn und Zweck des Spiels vierzeilig zusammen: Rechts und links stehn zwei Gestelle, / je ein Spieler steht davor. / Hält den Ball er, ist ein Held er, / hält er nicht, schreit man: Du Toooor!
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Von Harig über Erhardt und den Tor direkt  zu Lothar Matthäus. Aber ohne Spott. In der aktuellen Zeit erhält er die außergewöhnliche Ehre eines ganzseitigen Interviews, nicht »wegen seiner Versprecher und Frauengeschichten«, sondern weil er »ein seriöser Kritiker« geworden ist. Was nicht viele wissen, denn Matthäus arbeitet als »Experte« beim Bezahlsender Sky, aber ich kann es bestätigen: Matthäus »expertet« besser als die meisten anderen, auch als sein smarter Sky-Kollege Metzelder, der zwar geschliffener spricht, aber auch abgeschliffener, geschmeidiger und … belangloser.
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Auch Didi Hamann gehört zu den Sky-Experten. Guter Mann. Vor 20 Jahren nahm ihn eine ARD-Glosse wegen seines Augenzwinker-Tics aufs Korn, was weder witzig war noch der Erwähnung wert wäre – wenn er den Tic nicht völlig abgelegt hätte. Wie hat er das bloß geschafft? Respekt! Auch dafür, dass er seine Alkohol- und Spielsucht besiegt hat, wovon er in seiner Autobiographie berichtet. Bei uns Hessen hat Hamann sowieso einen Stein im Brett, seit ihn ein Sky-Kollege mit dem Bad Nauheimer Eishockey-Virus infiziert hat und er schon mehrmals hier gesichtet wurde.
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Noch’n Sky-Experte: Ex-Schiedsrichter Markus Merk wird bei kniffligen Szenen zu Rate gezogen. Auch er hat an sich gearbeitet und vor vielen Jahren eine tiefere Stimme antrainiert, um mehr Autorität auszustrahlen – und damit sich sein Sohn nicht mehr schämen musste, der in der Schule wegen der Fistelstimme des Papas veralbert worden war.
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Alles alte Hüte. Apropos Hut. Beziehungsweise Mütze. Beziehungsweise Hand aufs Herz, diese Geste, die mittlerweile unter Fußballern üblich ist, selbst wenn sie wissen, dass ihr Herz schon für einen anderen Verein schlägt. Wissen Sie, welcher Sportler als erster durch eine Mütze auffiel und wer durch die Hand auf dem Herzen? Beides fiel bei einem auf: Dave Wottle, der 800-m-Olympiasieger von 1972, lief immer mit Mütze, und bei der Siegerehrung in München legte er die Hand auf sein Herz. Die amerikanische Nation geriet dennoch in Wallung, denn Wottle hatte vergessen, die Mütze abzunehmen, als die Nationalhymne erklang. Dafür würde er heute vom Präsidenten persönlich einen Kopf kürzer getwittert.
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Wottles Mütze war keine Basecap, sondern eher eine Batschkapp. Die Basecap setzt man richtig auf, wenn man sie falsch herum aufsetzt. Wer dies zuerst tat, weiß man nicht, literarisch taucht das Schild nach hinten aber zuerst bei J. D. Salingers »Fänger im Roggen« auf. Ein Leser klärte mich vor Jahren auf, dass die langlebige Mode aus dem Baseball kommt (als Aberglaube bei einer Aufholjagd, damit sie siegreich enden möge). In einem der Südstaatenkrimis von James Lee Burke las ich aber auch: »In Louisiana bedeutet eine umgekehrte Kappe, dass man nix mit Drogen zu tun hat.«
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Achten Sie mal darauf, beim Giro und anderswo. Überall Lippen- bzw. Basecap-Bekenntnisse. Und kaum noch Junkies auf der Gass. Auch auf dem Weg ins Stadion. Womit sich der Kreis schließt. Denn alle die alten Kappen in dieser Kolumne sollten die Eintracht-Fans nur ablenken und beruhigen, bevor es ernst wird: Wonne, Tonne oder Schleudersitz?  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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