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Mittwoch, 9. Mai, 9.45 Uhr

An einem 8. Mai kapitulierte Deutschland, das von einem Wahnsinnigen willig in den Wahnsinn geführt worden war. Die Welt atmete auf. An einem anderen 8. Mai kapituliert die Welt vor einem Durchgeknallten und hält den Atem an. Ich wollte ein „Ungetwittert“ dazu schreiben, kapituliere aber vor der mir unmöglichen Aufgabe, die Parallelen in ungetwitterter Kürze zu ziehen. Die Parallelen würden schief und krumm, wären also keine Parallelen mehr.

Jedenfalls wird auch der 8. Mai 2018 ein historisches Datum sein. Hoffentlich nur als historische Randnotiz.

Gestern kleine Radrundfahrt in der Region. Am 8. Mai, hat damit aber nichts zu tun. Im Dorf W. fährt vor mir eine Mutter mit ihrem etwa vier-, fünfjährigen Kind. Das Mädchen auf seinem kleinen Rad vorneweg. Biegt plötzlich links in eine Nebenstraße ab. Aus der kommt ein Pkw. Bremst, Kind stürzt gegen das Auto, Mutter schreit auf, mir bleibt die Luft weg. Zum Glück ist – auf den ersten Blick – nichts passiert. Das kleine Mädchen wirkt verstört, aber längst nicht so wie Mutter, Fahrerin und ich. Die Mutter hält das stumm um sich blickende Kind im Arm und jammert: „Immer, immer immer fahren wir mit Helm.“ Nur heute nicht, fällt mir erst jetzt auf. In Zukunft werden sie ganz sicher immer, immer, immer mit Helm fahren.

Im Dorf V. steht ein Junge, etwa acht Jahre alt, auf einer Steinsäule, die eineinhalb Meter hoch ist. Vor und unter ihm offenbar der Papa, der ihn hochgehoben hat und den Bub auf der Säule fotografieren will. Der Junge dort oben hat Angst, kneift sich mit den Händen sein Pipi zusammen, um nicht in die Hose zu machen. Der Papa denkt nur an das Foto-Motiv, scheint zu denken: Junge, mach dir nicht in die Hose, sei nicht solch ein Feigling. Der Papa wird die Szene schnell vergessen. Der Junge nie.

Anschließend beim Friseur. Der eine Friseurin ist. Und Türkin. Beziehungsweise Kurdin. Eine junge, immer fröhliche Frau. Ihren Namen kann ich mir gut merken. Ihre Eselsbrücke: „Wie der Fluss auszusprechen, ‚die Lahn'“. Ich gehe gerne zu ihr, denn ihre Grund-Fröhlichkeit steckt auch grundgrantelige Opas an. Wir sprechen über Themen, die in Deutschland auf beiden breiten Seiten jenseits des schmalen Grates mit grundgranteligem Grimm diskutiert werden. Kopftuch, Toleranz, Islam, Christentum. Alles kein Grund zum Streit, sagt sie, würde nicht gestritten, würde niemand auf die Idee kommen, dass es Streit geben könnte. Scheinbar naiv, aber wirklich nur scheinbar. Bei ihr zu Hause haben, sagt sie, Muslime, Christen und andere gelebt, ganz normal, ohne Streit.

Sie sei auch ein Flüchtlingsmädchen. Schon lange lebt sie hier, im Dorf H., bundesweit bekannt geworden durch hohe NPD-Wahlprozente. Vorsichtig tippe ich das Thema an. Rechtsradikale, AfD, NPD, Neonazis, Nationalismus – was bekommt sie in H. davon mit? Macht es ihr Angst? Sie spricht zwar gut deutsch, da hier aufgewachsen, aber mit den Wörtern „rechtsradikal“, „AfD“ und „NPD“ kann sie nichts anfangen. Nationalismus, ja, da drüben hausen sie, und sie deutet auf ein Haus gegenüber. „Da sind die Grauen Wölfe“. Deutschen Nationalismus kennt sie nicht, hat sie nie gespürt, ist ihr egal. Aber  der türkische ….

Sie will bald heiraten. Findet nur keinen Saal. In L. gäbe es einen, da koste die Miete aber 11 000 Euro. „Ohne Musik, ohne Essen.“ Ich will es nicht glauben. Wenn ich an der Lahn entlang fahre, komme ich oft in W. an der Halle am Schwimmbad vorbei, wenn dort türkische Hochzeit gefeiert wird. Ich gebe ihr den Tipp, meine, die Halle gehöre sicher der Gemeinde, das könne nicht so teuer sein. Doch, doch, weiß sie, da sei fast jeden Tag Hochzeit, immer die großen, mit tausend Gästen, der Besitzer sei steinreich geworden, er nehme 14 000 Euro Miete. Sie werde viel kleiner feiern, nur  mit 500 Gästen. Aber obwohl sie nicht so sehr religiös sei, werde erst geheiratet, und zwar richtig, mit allen 500, wenn sie bzw. die Eltern eine angemessene Halle bezahlen können. Sie würde auch ohne große Feier heiraten, aber das könne sie den Eltern nicht antun.

Viel nachzudenken am 8. Mai 2018.

 

 

 

 

Baumhausbeichte - Novelle