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Montagsthemen (vom 7. Mai)

Auf Rad-Achse. Tour d’Hinterland statt Giro d’Italia. Mit Akku. E-Antrieb soll es aber auch bei Giro & Co. schon gegeben haben …
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Ich fahre, der Giro läuft, die Fußballer spielen. In Frankfurt wird Alex Meier eingewechselt. Hält den Fuß hin, wie nur er den Fuß hin halten kann. Tor. Selbst für einen Kitsch-Film zu kitschig. Aber kein Kitsch, sondern Fußball.
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Strammer Gegenwind. Da ich Batterie sparen will, bin ich ziemlich geschlaucht. Am Ende habe ich aber noch drei von fünf Balken auf dem Display. Hätte also nicht mich, sondern den Akku dem Gegenwind trotzen lassen können. Mit dem geladenen Akku gehe ich um wie Dagobert mit seinem prallen Talerspeicher.
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Erste Rast. Lese-Pause. Süddeutsche Zeitung. Wenn er dereinst an der Himmelspforte stehe, werde er Petrus berichten, dass er nie etwas anderes wollte, als Fußballspiele zu gewinnen. Sagt Arsene Wenger. Der arme Mann. Petrus wird ihn zurück schicken. Was willst du hier? Du hast ja noch gar nicht gelebt.
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Tags darauf werde ich in der Sonntags-FAZ ein großes Interview mit Per Mertesacker lesen. Sehr sympathischer Mensch. Obwohl: »Sympathisch« sollte stets mit rückbezüglichem Fürwort geschrieben werden. Also: mir sympathisch. Sage mir, wen du sympathisch findest, und ich sage dir, ob Du mir sympathisch bist.
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Im Smartphone klickt ein Video auf. Die ersten freihändigen Schritte der Enkelin. Epochales Ereignis. Schon sicherer auf den Beinen als einst Hölzenbein im Strafraum.
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Ich komme auch an offenbar geräumten Baracken oder Containern vorbei. Wo sind sie jetzt alle, die 2015 auf herzliche Einladung der Kanzlerin und unter Beifall von halb Deutschland gekommen sind? Nein, von mehr als halb Deutschland. Viele Begrüßungsjubler wollen das aber vergessen. Ist ihnen heute peinlich.
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Auch den »Fußball-Gott«-Jublern wäre es peinlich, daran erinnert zu werden, dass sie Meier in seinen ersten Frankfurter Jahren als »Chancen-Tod« beschimpft hatten. In aller Unbescheidenheit: Ich hielt dagegen. Nachlesbar.
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Kein Vertrag mehr für Meier? Das spaltet die Fans. Kompromissvorschlag: Vertrag als Profi zur letzten Rettung. Meiers Fuß bleibt einmalig, der Rest kann nicht mehr mithalten. Außer in den letzten Minuten. Demnächst  in Berlin?
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Nächste Rast. Cheerleading soll, lese ich in der FAZ, in Tokio 2020  Demonstrationssport werden. Mich wundert nichts mehr. Andere wundern sich über mich: Wohl aus der Zeit gefallen? Okay, ich springe auf den Zug der Zeit. Pokern muss olympisch werden! Traumfinale: Boris gegen Kruse. – Autsch! Wer hat mich runnergestumbd!?
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»Ich passe in keinen Rahmen«, stellt Mertesacker sachlich fest. Stimmt ja auch schon rein körperlich. Andere wollen auf Teufel komm raus in keinen Rahmen passen. Und passen daher nur zu genau in diesen Rahmen.
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Aus dem Rahmen fällt der erste Leichtathletik-»Hammer« beziehungsweise Speer der neuen Saison. Drei Deutsche in Doha über 90 Meter! Sensationell. In Zeiten, in denen Alltägliches mindestens zur Sensation hochgejauchzt wird, zappeln Röhler, Vetter und Hofmann aber nur als Beifang im medialen Netz. Moderne Zeiten.
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Zusammen über 270 Meter, addiert das strampelnde Mathe-Genie und überlegt, wie weit ein Speer fliegen kann. Der norwegische Speerwerfer Thorkildsen weiß es auch nicht. Obwohl er einmal versuchte, den Speer so weit zu werfen wie vor ihm noch niemand ein nicht selbst fliegendes Objekt. Thorkildsen warf  von einem Felsplateau aus, das fast senkrecht zu einem Fjord abfällt, scheiterte aber am Nebel. Mangels sichtbarem Eintauchen des Speers im Meer war keine Weitenmessung möglich.
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Auf dem Rad-Ritt ein paar Tage zuvor trat ich plötzlich ins Leere, schaute nach rechts unten und sah …. wäre, wäre Fahrradkette, würde Lothar Matthäus spotten. Zwei Radlerinnen, die ich gerade überholt hatte, kamen lächelnd näher. Eine hielt die Kette in der Hand. Gerissen.
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Links ist da, wo das Herz ist. Glauben die Linke. Wahr ist: Links ist da, wo die Fahrradkette nicht ist. Aber warum eigentlich? Zu Hause schlage ich nach und finde viele Erklärungsversuche. Ich bevorzuge diese: Die Kette rechts ist eine Tradition, die vom Reiten kommt. Auch Pferde werden von links bestiegen, weil früher der Säbel an der linken Körperseite hing.
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Endlich Rückenwind. Auch die Gedanken fliegen schneller. Warum gibt es keinen olympischen Hundesport? Die Frage erscheint E-Sportlern oder Cheerleaderinnen ähnlich absurd wie Hundesportlern das Daddeln und Popo-Puschel-Wackeln. Die Disziplin »Workingtest« trägt jedenfalls mehr Sport in sich, als … (bitte nach Geschmack ergänzen).
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Während ich durchs Hinterland radle, spielt sich in Wiesbaden eine familiäre sportliche Tragödie ab. Ich nenne nicht Ross und Reiter, denn es geht um Hund und Mensch. Hund muss im Wald auf visuelle und akustische Mensch-Kommandos verschiedene jagdnahe Aufgaben bewältigen. Macht er prima. Klar auf Medaillenkurs. Auch die letzte Prüfung meistert er mit Bravour, ist fast im Ziel, da hockt er sich vor dem Prüfungsrichter hin und … wird mit sofortigem Ausschluss bestraft.
Wer zuletzt abkackt, kackt ab.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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