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Sport-Stammtisch (vom 5. Mai)

Armer Sven Ullreich. Diese Szene wird auch viele Jahre später noch seine Karriere prägen. Tolissos Ball rollte immer langsamer, Benzema immer schneller heran, in Ullreichs Kopf rasten zwei Gedanken (Hand? Fuß?) aufeinander zu, fast in Lichtgeschwindigkeit wie im Teilchenbeschleuniger von CERN, aber was dort unter der Grasnarbe gewünschter Sinn der Sache ist, die Kollision, führte auf dem Rasen durch Ullreichs persönliche Kopf-Katastrophe zum Super-GAU der Bayern. Die großartige Saisonleistung des Torwarts, der bravouröse Kampf der Mannschaft, sie sind nur noch Randnotizen einer FCB-Saison, die erst spät begann und schon früh endete.
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Gäbe es den Video-Assistenten auch  in der Champions League, hieße das Finale womöglich München gegen Rom. Ein schwacher Trost. Auch dass Liverpool und Rom weit unterhalb des Real-Bayern-Niveaus kickten, lindert nicht, sondern verstärkt den Schmerz. Klopps Herz erstmals ohne das Hirn seines Assistenten Buvac, und schon spielten die Kloppos so schlecht wie nie in dieser Champions-League-Saison.
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Man munkelt, Buvac könnte Wenger bei Arsenal beerben. Oder sogar Kovac in Frankfurt. Was angeblich seine erste Cheftrainer-Stelle wäre. Stimmt aber nicht. Buvac trainierte vor seinen Assi-Jahren bei Klopp zwar nur den SC Neukirchen, ist aber auch amtierender Cheftrainer von Srpska. Srpska? Das Wort kann man sich nicht auf der Zunge zergehen lassen, man hat zu viel an den Mitlauten zu kauen. Srpska ist eine Teilrepublik von Bosnien-Herzegowina, wollte 2013 gegen Serbien spielen, aber die Fifa verbot die Partie, und so ist Buvac ein Nationaltrainer ohne Spielpraxis.
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Aber das nur am Rande. Für die Bayern wäre, nein ist (auf den Konjunktiv kann man verzichten) selbst der DFB-Pokal kein Trostpflaster, sondern ein Muss. Für die Eintracht nur Zugabe. Aber zu was? Zu Europa oder zur späten Liga-Enttäuschung? Seit Kovac’ Weggang bekannt wurde, durch wen auch immer, hakt es. Für das Schwächeln gibt es keinen vernünftigen Grund außer dem, dass Fußball ein unvernünftiges Spiel ist und von Gefühlen bestimmt wird. Das Innenleben einer Mannschaft ist labil und unergründlich.
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Aber da es keinen vernünftigen Grund gibt, könnte die Eintracht zur Abwechslung mal wieder vernünftig spielen und siegen. Das wäre die halbe Europa-Miete, für den HSV aber fast schon die Abstiegs-Niete. Wen sollte es treffen, Hamburg oder Wolfsburg? Warum nicht beide? Oder würden Sie zugunsten eines Nordklubs Freiburg oder Mainz opfern? Das sind Fragen!
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Noch Fragen? Ja. Am Vorabend des Pokalfinales lässt die Zeit im Berliner »Hotel de Rome« den »Preis des Spektakels« bekakeln. »Wie steht es tatsächlich um den Fußball? Wird der Sport seiner sozialen Verantwortung gerecht? Darüber wollen wir mit herausragenden Persönlichkeiten aus Sport, Politik und Gesellschaft diskutieren.« Als treuer Abonnent lese ich, wer neben VW und ARD die Veranstaltung finanziert. »Exklusivpartner: tipico.« – Ach, liebe alte Tante Zeit, wenn du dich schon vom Zocker-Milieu aushalten lässt, dann wüsste ich auch schon ein paar Special Guests für das musikalische Rahmenprogramm, verehrte Kollegahs.
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In der Sachbuch-Bestsellerliste der Zeit steht auf Platz vier die »Zeit der Zauberer«, ein fiktives Treffen der großen Denker Wittgenstein, Benjamin, Cassirer und Heidegger. Könnte spannend zu lesen sein. Aber ich stutzte beim Namen des Autors. Wolfram Eilenberger. Da war doch mal was? Schon macht es Klick: Eilenberger hat vor zwei Jahren auf Zeit online angeekelt über den Nationalsport in unserem Handkäsland, sorry, abgekotzt. »100 Prozent kartoffeldeutsche Leistungsbereitschaft« widerten ihn an. Die Zeit hatte uns (ich nehm’s als alter Handballer persönlich) schon zuvor diskriminiert, als »Bauerntölpel« mit unserer »brutalen Freizeitbeschäftigung für Grobmotoriker«. Und da soll ich ein Buch von Eilenberger empfehlen? Also … mhm … ja, doch.
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Auch beim Namen des Lesers, der diesen Fehler in den »Montagsthemen« aufspießt, stutzte ich: »Nicht der Fürst von Salina, den Sie so kumpelhaft Don Fabrizio titulieren wie es der Erzähler im Roman auch tut, trompetet in Tomasi di Lampedusas ›Leopard‹ die Sentenz ›Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, dann ist es nötig, dass sich alles ändert‹, sondern sein Neffe Tancredi Falconeri.« Schreibt Gerhard Stadelmaier. Den Namen kannte ich aus der FAZ, ich wusste, dass er in seiner dort aktiven Zeit ein großer deutscher Theaterkritiker war (sogar der »begnadetste«/Welt) und als der Bissigste von allen galt. Aber der liest doch nicht unsere Zeitung, dachte ich. Doch! Stadelmaier lebt in Bad Nauheim und liest seit Jahren »gw«-Kolumnen (seine komplette Mail, inklusive bissig klingender Passagen über mich wie »Einfaltspinselei«, steht in der Mailbox von »Sport, Gott & die Welt«)
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Das Zitat mit der falschen Zuordnung hatte ich mir gleich nach der Lektüre notiert und im Lauf der Jahrzehnte schon mehrmals ungeprüft aus meinem Archiv übernommen. Echte Einfaltspinselei. Niemand hat es gemerkt bzw. korrigiert. Bis Stadelmaier kam. Seinen scheinbaren Verriss hatte ich übrigens missverstanden. In einer zweiten Mail schreibt er: »Ihr Tempo und Staccato furioso habe ich immer genossen. Und wenn Sie ins (nicht nur Fußball-)Leben ausgreifen und dem Zeitgeist an die Wäsche gehen, ist es ein gesteigertes Vergnügen.« – Das freut den zuvor verstörten Einfaltspinsel.
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Apropos Missverständnis. In einer Gegendarstellung beteuert ein Fußballer, in unserer Zeitung »wird ein nicht zutreffender Grund für meinen Vereinswechsel genannt, der nicht der Wahrheit entspricht.« Im Gegensatz zu Srpska kann man sich diese Worte auf der Zunge zergehen lassen. Und ins Grübeln kommen. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle