Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Gerhard Stadelmaier: Don Fabrizio und die Einfaltspinselei

Sehr geehrter Herr Kolumnist,

zwar ist es völlig sinnlos und beinahe blasphemisch, einen Mann, der sich unbedingt im Besitz der Unfehlbarkeit wähnen muss (denn sonst würde er sich kaum getrauen, auf ein paar Zeilen Gott und die Welt, letztere naturgemäß in Form der Fußballwelt, ersteren ebenso naturgemäß in Form von „ich“ durchzuhecheln – ich weiß, wovon ich rede), auf einen Fehler aufmerksam zu machen. Zumal er im Dauerstress und -rausch der Einfallsuche für die nächste Kolumne sich um seine Einfaltspinselei der letzten gar nicht mehr groß scheren kann: The Pointe must go on! Ich will es aber trotzdem wagen.

Nicht der Fürst von Salina, den Sie in Ihren „Montagsthemen“ vom 30. April so kumpelhaft Don Fabrizio titulieren wie es der Erzähler im Roman auch tut, trompetet in Tomasi di Lampedusas „Leopard“ die Sentenz „Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, dann ist es nötig, dass sich alles ändert“, sondern sein Neffe Tancredi Falconeri. Eine ziemlich windige, widerwärtig opportunistische Gestalt, wie noch alle Zeitmitläufer. Der Fürst wäre sich für solch einen Blödsinn zu schade oder hätte einfach zu viel Geschmack und Bildung, um diese Wahrheit zu verkennen: Wer mit der Zeit geht – geht mit der Zeit. Das gilt übrigens für Fürsten wie für Journalisten . . . Tancredis Sentenz ist natürlich eine Lüge. Man verändert sich nicht, um sich gleich bleiben zu können. Man wird anders. Und geht – im Falle Tancredis – dafür auch über Leichen. Die Genossen, die er sich zeitmitläuferhaft erwählt, als er das Motto ausgibt, sind die Kämpfer Garibaldis für ein noch zu einigendes Italien. Wenig später, als diese Kämpfer sich nicht ändern und keinesfalls der neuen bürgerlich oligarchischen Herrschaftsschicht und ihrer bürokratischen Machtsicherung parieren wollen, sondern auf ihrem Condottieretum  beharren, lässt Tancredi sie eiskalt niederschießen. (Visconti hat daraus in seiner Verfilmung eine wunderbare, düstere Szene gemacht!). Außerdem geht die Zeit so sehr mit Tancredi, der ja unbedingt mit ihr gehen wollte, dass sie ihn ökonomisch, gesellschaftlich und erotisch ziemlich zeitlos mies und scheiternd ausschauen lässt (Alain Delons Eiskalte-Engel-Visage passt wunderbar dazu).

Wer nicht mitläuft, bleibt stehen. Wer stehen bleibt, hat eine Haltung, aufrecht, wer mitläuft, eine Hetze, gebuckelt. Man würde sich, nicht nur im Fußball, durchaus mehr Haltung wünschen.

In der Hoffnung, Sie nicht ganz zufriedengestellt, Ihnen aber ein klein wenig gedient zu haben, bin ich mit freundlichem und kollegialem Gruß

Ihr sehr ergebener Gerhard Stadelmaier

****

Anmerkung dazu im Blog vom 1. Mai/17.55 Uhr

Baumhausbeichte - Novelle