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Dienstag, 1. Mai, 17.55 Uhr

Soeben von einem 50-km-Ritt zurück. Ohne Akku hätte ich gegen den Wind aufgegeben.

Ebenfalls soeben habe ich eine Mail online gestellt und angemerkt, dass ich im Blog darauf eingehe.

Aber erst zum Rad-Ritt. Zwischen Gießen und Dutenhofen war es auf dem Lahntalweg kein Ritt, sondern ein langer Stehversuch. Gab mir Gelegenheit zur Milieu- und Jugendstudie. Horden von Jugendlichen waren mit Bollerwagen zu Gange, Ziel Dutenhofener See, wo sich die Menge ballte. Pro Bollerwagengruppe zwischen fünf und zehn Jungs und Mädchen, fast alle taten betrunken, Betonung auf “taten”, denn anscheinend war viel Show dabei. Die Coolen, die Hippen taten am wenigsten betrunken, die buchstäblichen Mitläufer am Rande, die Scheuen, am meisten oder waren es sogar, um stimmungsmäßig mithalten zu können. So jedenfalls meine Expertise als Küchenphilosoph/-Soziologe/-Psychologe. Unter den Bollerwagen vom holprigen Leiterwägelchen (wenige) bis zu aufgemotzten vierrädrigen Discobars (viele) alle Wagenklassen vertreten. Was mir aber am meisten und sehr positiv auffiel: keinerlei Aggressivität zu spüren, selbst die Besoffensten machten fast schon beflissen Platz, die größte “Ungehörigkeit” war ein Stinkefinger gegen einen die Menge am See im Schrittempo durchpflügenden Mercedes-Geländewagen, aber gleich hinter ihm wurde ich schon freundlich abgeklatscht. Zu meiner Zeit wäre ein alter Sack wie ich auf dem Rad fies begrölt worden, vielleicht von Promilleaufgeladenen sogar runtergeschubst.

Allerdings war ich am Nachmittag unterwegs. Vielleicht sieht es ein paar Flaschen und Stunden weiter ganz anders aus. Aber ich will mir den erfreulichen Eindruck nicht vermiesen. Wie sie mich abgeklatscht haben!

Auf ganz unangenehme Weise “abgeklatscht” fühlte ich mich, als ich gestern abend die Mail (siehe “Mailbox”) von Gerhard Stadelmaier las. Den Namen kannte ich aus der FAZ, ich wusste, dass er in seiner dort aktiven Zeit ein großer deutscher Theaterkritiker war und als der Bissigste von allen galt. Aber der liest doch nicht unsere Zeitung, dachte ich. Sicher eine zufällige Namensgleichheit. Doch der Stil, die Wortwahl, am Schluss die “kollegialen Grüße” – das musste er sein! Mich traf nicht die Korrektur aus dem “Leopard”, meine falsche Zuordnung – das wird in der nächsten Kolumne korrigiert, inklusive Selbstveräppelung. Anderes, nun ja, kränkte mich. Von der Einfaltspinselei bis zu “The Pointe must go on!” Denn wie das mit Kränkungen so ist: Am wehesten tut das, an dem man zumindest ein Körnchen Wahrheit entdeckt.

Als mir klar wurde, dass Gerhard Stadelmaier “der” Stadelmaier ist, in Bad Nauheim wohnt (laut Wikipedia) und schon lange unsere Zeitung zu lesen scheint, schrieb ich zurück und bat höflich um Erklärung der bissigen Zeilen. Um es kurz zu machen: Ich hatte einen Satz nicht beachtet (“ich weiß, wovon ich rede”), der klar machen sollte, dass Stadelmaier das, was mich kränkte, aus eigener Erfahrung kennt. Zudem schrieb er sehr anerkennend und schmeichelhaft über meine Kolumnen. Freut mich natürlich sehr, bleibt aber privat. Der “Verriss” jedoch steht online – als Mahnung für mich, denn ein Körnchen, manchmal mehr als das … wenn ich in der Flut meiner Kolumnen zu ertrinken drohe und ich einfallspinselnd nach einer Pointe greife, die on go-en muss …

Für die Samstags-Kolumne (OWW fällt dem 1. Mai zum Opfer) droht diese Gefahr nicht. Heute die Bayern, morgen Liverpool (Klopps Herz ohne das “Hirn”/Knatsch mit dem Co), dazu die Selbstveräppelung, da schreibt sich der “Stammtisch” fast von alleine. Hoffentlich.

 

 

Baumhausbeichte - Novelle