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Sport-Stammtisch (vom 28. April)

Dass die Saison der Bayern jetzt erst beginnt, war klar. Dass sie auch jetzt schon endet … ist Häme oder Befürchtung, je nach Feind-Freund-Lage. In den asozialen Medien häuft sich Häme, in Bayern-Herzen bibbert Bangigkeit.
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Man müsste hoffen, »dass sie krachend scheitern«, meinte Spiegel online vor dem Hinspiel, nicht hämisch, sondern konstruktiv der Zukunft zugewandt. Denn gerade das sei man in München nicht. Mit »Mir san mia« als einzig erkennbarer Spielidee, in der Vergangenheit verhaftet und mit nostalgischen Rückholaktionen bekräftigt, damit falle man auf Dauer aus der internationalen Beletage.
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Ja, die Rückgeholten. Von Hoeneß über Heynckes bis Kovac. Und die Keimzelle, der Nachwuchs, wird von alten Bayern-Kämpen wie Mehmet Scholl und Miroslav Klose trainiert. Mit Laptop-Allergie und reiner Gutherzigkeit. Daher, so Spiegel online, »wäre es das Beste für den Klub, wenn er zum fünften Mal in Folge scheiterte – und dann vielleicht endlich das eigene Geschäftsmodell in Frage stellen würde«.
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Stimmt. Aber vorerst nur bis zum Rückspiel. Denn jede noch so scheinbar treffsichere Analyse gilt im Fußball lediglich bis zum Anpfiff des nächsten Spiels. Irgendwann stirbt zwar die Hoffnung, aber immer erst zuletzt. Ein zweites Triple unter Heynckes, und die Spiegel-Geschichte müsste neu geschrieben werden.
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Auch auf den ewigen »Mull« haben sie zurückgegriffen. Gegen Real wehten Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrts 75-jährige Haare aber öfter über den Platz, als selbst dem freudigen Platzsprinter recht sein konnte. Erst recht nicht recht sein konnte Joachim Löw, dass eine Abwehrsäule wegzubrechen droht und, sollte die Häme siegen, dass vier Fünftel seiner Abwehr sowie Löws emotionaler Anführer (Müller) nicht gerade mit breitem »Mir san mia«-Kreuz gen Russland flögen. Ach, übrigens: Haben Sie den Bundestrainer im Interview gehört? Er bewies wieder einmal seine Meisterschaft im Verschlucken von Füllwörtern. Wenn andere stocken und stammeln, lässt er stattdessen »sagen wir einmal« zu »samama« zusammenschnurren, pro Interview öfter, als Boris »äähh« sagen kann.
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Wissen Sie noch, wie Löw sich einmal vorne und hinten in den Schritt griff und danach andächtig an der Hand schnüffelte? Eine Dermatologin bietet im SZ-Interview eine späte Erklärung an. Die Haut, auch die eigene, wecke Begierde, vor allem in geruchsintensiven Körperfalten, daher war Löw »wahrscheinlich hocherfreut über die Testosteronabbaustoffe aus den Duftdrüsen, die er da abdampfte«. Ach so. Das erklärt auch die alte Schote vom italienischen Trainer Fabio Capello. Der rotzte vor jedem Spiel zwanghaft in die Hand, dann steckt er sie in die Tasche und putzt sie dort ab. Wenn ihm jemand die Hand gab, setzte Capello zuvor an sich den Michael-Jackson-Griff an. Mit der anderen Hand. Die Hand, die er aus der Manteltasche zog, reichte er seinem Gegenüber. Bisher hieß es: reiner Aberglaube. Jetzt wissen wir: Capello dampfte auf kommunikative Art Testosteron ab. Hand in Hand.
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Bayern-Doc »Mull« alias »MW« hatte als Student, erzählt er im Zeit-Interview, Hemmungen, die Haut anderer zu betasten. Die hat er aber gründlich abgelegt. Schon als für andere unter dem Straßenpflaster der Strand lockte, lag für Müller-Wohlfahrt unter dem Heftpflaster sein eigener Sehnsuchtsort, der Muskel. Mit den Fingern ertastet er ihn unter der Haut und fühlt, wie es ihm geht. Darin ist er unbestrittener Weltmeister, denn er kann »Mit den Händen sehen« (sein aktueller Bestseller).
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Weniger kompetent klingt seine Diagnose, »im Fußball gibt es kein Doping«, für die er jetzt Haue kriegt. Nicht von mir. Das Thema hab ich durch. Durchgekaut. Daher wiederkäue ich nichts in Sachen »Mull« und das Actovegin, Klümper und sein Schüler oder Guardiola und das Nandrolon. Interessanter wäre zu erfahren, warum sich unter Muskelschoner Müller-Wohlfahrt die Verletzungen  häufen wie unter Muskelschinder Guardiola. Ich habe nicht nur keine Ahnung, sondern nicht mal eine Vermutung.
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Und sonst? Der Leichtathletik-Weltverband führt neue Testosteron-Oberlimits für Mittelstreckenläuferinnen ein. Details erspare ich Ihnen. Konsequenz: Ab November muss Caster Semenya entweder auf den Sprint oder die Langstrecke ausweichen. Die IAAF dagegen bleibt ihrer Disziplin treu: Zick-Zack-Lauf im Kreis.
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Und da wäre dann noch die »Style«-Dame, die in Bild über den Niko-Kovac-Stil fabulierte. »Ohne weitere Worte« zitierte ich sie am Dienstag, dass der »George Clooney der Bundesliga« die Marke »Stone Island« trage, »die Marke der Rapper«, und die sei wie Kovac »schmal, aber im Abgang cool und robust«. Wenn die Dame wüsste, welch super Gag ihr da unbewusst gelungen ist …
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Noch mal zu den asozialen Medien. Dort, aber nicht nur dort, gibt es mehr Dinge zwischen Himmel, Erde, Sport, Gott & der Welt, als meine Schulweisheit sich träumen lässt. Millionen Klicks können nicht irren? Klar, wie die Fliegen. Aber unter dem Haufen sehe und rieche ich nur den … Haufen. Dagegen anstinken können wir nicht. Wenn uns der Zeitgeist besonders  alt aussehen lässt, bleibt uns die Kovac-Alternative – cool und robust im Abgang.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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