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Montagsthemen (vom 23. April)

Ein wackerer Mitläufer beim Sturm und Drang unter Klopp. Von Löw auf dem langen Weg zur WM ’14 frühzeitig und nicht sehr einfühlsam aussortiert. Von Stöger in der Krise geopfert und auf die Tribüne gesetzt. Dort sieht der geschasste Kapitän einen urplötzlich aufgeblühten BVB, begeisternd wie unter Klopp. Damals hatte er den großen alten Dede beerbt. Der Kreis schließt sich. Marcel Schmelzer ist einer der Angenehmsten in der überdrehten Szene, doch sportlich reicht es nicht mehr für ihn. Schade, aber unausweichlich.
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Sogar Mario Götze blüht auf. Seine beiläufig hingestreichelte Torvorlage, ein ästhetischer Genuss wie das WM-Tor. Aber der Spieler des Tages: Jadon Sancho. Gerade erst 18 geworden. Engländer. Sein Land ist, mit ärmelhochgekrempeltem Ruff-un-runner-Fußball scheiternd, ein buchstäblicher Running Gag bei großen Turnieren. Aktuell aber U19-Europameister. Mit Sancho und ähnlich großen Talenten. England hat Fußball neu gelernt und gehört zum erweiterten Kreis der WM-Favoriten. Mehr allerdings nicht. Wie Deutschland übrigens..
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Uli Hoeneß kommentiert ein Foto des chillenden Cristiano Ronaldo mit der für Hannover nicht sehr schmeichelhaften, aber zutreffenden Feststellung: »Auch wir hatten heute Pause.« Ähnlich von hoch oben herab wie sein höchstens ziemlich zweitbester Freund Rummenigge »den Fredi (Bobic) etwas runtergecoolt« haben will. Hochmut kommt vor dem Fall. Den hätten die überhaupt nicht hochmütigen Müller, Hummels, Kimmich & Co. aber nicht verdient. Dennoch sei angemerkt: Für die Bayern beginnt die Saison erst am Mittwoch.
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In der Welt sehe ich eine Gesamt-Tabelle der Bundesliga seit 2012. Bayern führt mit 129 Punkten Vorsprung auf Dortmund. Frankfurt steht immerhin auf Platz acht. Der gleiche, der ihr am Ende dieser Saison droht … nein, pfui, weg mit dem defätistischen Gedanken!
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Die Langzeittabelle dient als ein Beleg für »die große Identitätskrise« (Welt) der Bundesliga. Dazu passt auch ein neuer Befund zur Auslastung der Stadien. Die beträgt statt der offiziell angegebenen 90 nur rund 80 Prozent, weil viele Karten nicht genutzt werden. Sei es von Dauerkarten-Inhabern, durch Nichtnutzung von geschenkten Karten, die viele Firmen kaufen, zur, sagen wir mal, »Pflege der Landschaft«, oder sei es von all jenen, die aus diversen Gründen nicht mehr ins Stadion gehen. Gründe, die allesamt unter die Rubrik »Frust« fallen. Doch wenn in der Bundesliga schon nicht der beste Fußball der Welt gezeigt wird, müssen wenigstens die Zuschauer die Besten der Welt sein. Denn spräche selbst die DFL von Ansätzen einer Zuschauerkrise, könnte das in Zeiten des kategorischen Superlativs als sich selbst erfüllende Prophezeiung wirken. Die Blase platzt, wenn man sie aufbläst – oder schrumpelt zusammen, wenn man damit aufhört. Die Wahl der Qual.

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Immerhin ginge es dann nur um Fußball. Was uns sonst noch so alles droht … apropos: Hatte gestern nicht H. Geburtstag, der F.? Nee, ich glaube, das war schon vorher. Ist mir so was von egal. Ich komme auch nur darauf, weil ich gerade »Unter der Drachenwand« von Arno Geiger gelesen habe. Da ist auch immer nur von H. und dem F. die Rede. Es geht um das Jahr 1944, um Nazis, Mitläufer, Flüchtlinge …
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… und als ich das Buch zuklappte, erfuhr ich von der aktuellen Zuteilung von Flüchtlingen. Jetzt scheiden sich endlich die Geister! Die 10 000 kommen genau richtig, um die in der Diskussion stets in den selben Nazi-Topf geworfenen Bürger wie Sie und ich wieder fein säuberlich von dumpfen Backen trennen zu können. Diese 10 000 sind sozusagen international zertifizierte echte Flüchtlinge, die Schwächsten, vorwiegend Frauen und Kinder, und sie werden nach einem gerecht klingenden Schlüssel auf verschiedene Nationen verteilt. Es sind gerade nicht die aggressiven jungen Männer, sozial auch zu Hause problematisch, die gemäß des Survival der Fittesten mit Ellbogen und was auch immer durchgekommen sind, um hier ihr Wesen zu treiben, das oft genug Unwesen ist.
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Die neuen 10 000 aber sollten wir genauso herzlich begrüßen wie die Begrüßungsbesoffenen damals querbeet alle begrüßt haben. Sie machen auch noch einmal den katastrophalen Fehler von 2015 deutlich. Denn nach den Kriterien der 10 000 hätten wir heute nicht zwei Millionen, sondern vielleicht 100 000, höchstens 200 000 Flüchtlinge im Lande, denen wir gerne Fürsorge und Integrationsmöglichkeit bieten könnten und die uns gut zu Gesicht stünden. Und nur die armseligen Tröpfe, die – gestern? vorgestern? – H. und F. feierten, würden in ihren ekligen Ecken geifern.
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Zu ernsthaft für harmlose Montagsthemen? Als Kontrastprogramm meine Lieblingsmeldung des Wochenendes: Südafrikas Expräsident Jacob Zuma, 76, hat seine siebte Frau geheiratet, 50 Jahre jünger und soeben erst Mutter geworden. Wohl gemerkt: Zuma ist mit den sieben Frauen gleichzeitig verheiratet, nicht nacheinander. Da könnten sich unsere Schröders und Joschkas ein paar Scheiben abschneiden. Zumal der Zulu Zuma 23 Kinder hat. Pro Ehe ein demographisch guter Schnitt, vorbildlich für unsere mitteleuropäischen Verhältnisse.
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Zu guter Letzt eine echt erfreuliche Meldung, bisher aber leider nur von mir empirisch verifiziert: Die Insekten sind wieder da! Bei den ersten frühsommerlichen Radexkursionen habe ich mehr von ihnen inhaliert als im gesamten Jahr 2017. Wenn ich jetzt noch den Mund schließe, hilft das mir, den Insekten, den Vögeln, der Umwe…mmmmm.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle