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Sport-Stammtisch (vom 21. April)

Radikale Ehrlichkeit. Ein neuer Trend. Kommt aus den USA. Nicht aus dem Weißen Haus. Der Mann dort ist zwar zu allem fähig, aber nicht zur Selbstironie. Nein, die neue Mode der brutalst möglichen Ehrlichkeit ist eine echte NGO und entwickelt sich in privaten Zirkeln. Da sitzen sie im Kreis und sagen sich die Wahrheit. »Schatz, bin ich zu dick?«
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In Deutschland würde ich zuerst einen für die Video-Testphase Verantwortlichen befragen. Warum läuft die gute Sache so schlecht? Geht euch die größtmögliche Objektivierung subjektiver Entscheidungen gegen den Strich? Wollt ihr mit Störmanövern wie in Freiburg oder jetzt im Pokal »beweisen«, dass der Test misslungen ist und alles beim alten bleiben soll?
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Hilfreich wäre auch, einen Bayern-Boss in den Kreis zu setzen. Frage: Geben Sie zu, die Eintracht gelinkt zu haben? Weder Bobic noch Kovac konnten an einem frühzeitigen Bekanntwerden des Wechsels interessiert sein, Sie dagegen sehr. Musste nach dem blamablen Hin und Her um Heynckes und Tuchel eine späte »schnelle« Entscheidung her? Haben Sie deshalb keine Rücksicht auf die dadurch schwierige Lage in Frankfurt genommen?
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Na ja, die Fragen zur Video-Assistenz sind nicht ernst gemeint. Ich bin kein Verschwöungstheoretiker. Dass die Sache schief zu laufen droht, liegt nicht an den  eindeutigen Vorgaben, sondern an der heillos verwirrenden Umsetzung. Auch ein Bayern-Boss muss gar nicht erst antworten, denn wir wissen sowieso, dass das Münchner Motto unausgesprochen ein zweites beinhaltet: »Mir san mia– wer seid schon ihr?«
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Wir sind diejenigen, die den Bayern trotzdem gegen Real die Daumen drücken … upps, wer hat mich da in den radikalen Ehrlichkeitskreis gesetzt? Den sollten wir lieber nicht nach Deutschland importieren. Karl Marx hat zwar mittlerweile einen längeren Bart als im Leben, doch eine seiner Erkenntnisse bleibt ewig gültig: »Absolute Einmütigkeit gibt es nur auf dem Friedhof.« In einer frühen Kolumne ergänzte ich: » … und absolute Ehrlichkeit nur im Irrenhaus.«
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Beim Zusammenstellen der sporthistorischen Kolumne vom Donnerstag ereilten mich gleich mehrere Flashbacks. Der Name »Josef Schnell« versetzte mich urplötzlich in meinen alten Trainingsraum, in dem ein isokinetisches Kraftgerät stand, an dem man Kugelstoßen unter Belastung imitieren konnte. Die Idee dazu unterbreitete ich Schnell bei meinem in der Kolumne erwähnten Besuch, der geniale Tüftler verwirklichte sie.
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Bei selber Gelegenheit lernte ich den kürzlich verstorbenen Rudolf Mang kennen, »Bär von Bellenberg« und Schnells Schützling. Ein lieber, leiser Mensch, von der Natur mit Urkräften ausgestattet, aber eher Teddybär als Raubtier. Daher hatte der superschwere Weltklasseheber bei Olympia auch keine Chance gegen einen echten Bären, den Russen Alexejew. Der blieb 1976 in Montreal bei der Doping-Kontrolle in der engen Container-Toilette stecken. Er fuhr die Ellbogen aus, das Behelfs-Klo explodierte, die Wände flogen in alle Richtungen, und vor den Doping-Kontrolleuren stand ein grimmiger russischer Riesenbär. Mit heruntergelassener Hose. Niemand lachte. Mang hätten sie ausgelacht.
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Apropos lieber Mensch. Beim Blättern im »gw«-Papierarchiv stieß ich auf eine abgeheftete Ansichtskarte von Matthias Beltz. »Gerade habe ich das Gespräch mit Henni Nachtsheim gelesen. Das ist richtig spannend. Falls das zur EM klappen sollte, fände ich es wunderbar.« Es klappte. Und wie! Beltz hatte den Kontakt hergestellt, seitdem gehörten beide zu unserem Kolumnisten-Team. Beltz konnte, Nachtsheim kann auf der Bühne ein echter »Drecksack« sein. Aber zwei liebe Menschen. Wie Rudolf Mang. Nur nicht ganz so kräftig gebaut.
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Zurück in die Gegenwart. Was würde Matthias Beltz zum E-Sport sagen? Vielleicht: »Wenn das weiter derart boomt, steigt noch die AOK als Sponsor ein, weil sie bei dieser Zielgruppe mit ihren Präventionsangeboten landen kann, einer Klientel mit prognostizierbaren Haltungsschäden.« Nein, eher würde er feststellen, dass Satire der Realität immer hinterher hinkt. Denn die AOK ist schon Sponsor, und zwar mit der gleichen Begründung (Quelle: Zeit).
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In Zeiten des überbordenden Wahnsinns darf ich den eigenen nicht vergessen. In der Kovac-Affäre hatte ich von Hoeneß’ »überbordendem Unrechtsbewusstsein« geschrieben. »Gemeint ist aber wohl eher das fehlende«, merkt Erhard Neurath (Karben) an. Sorry. Blöder Fehler. Vielleicht hat unser Leser auch damit recht: »Der Fall Hoeneß ist wieder einmal ein Beweis für gescheiterte Resozialisierung.«
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Soeben drehe ich die Beltz-Ansichtskarte um, will sie wieder abheften, da lese ich vorne eine Ansicht von Josef Stalin: »Deutschland – ein Land, in dem es keine Revolution geben kann, weil man dazu den Rasen betreten müsste.« Sofort fällt mir der Liedermacher Reinhard Mey ein, der einst auf Sylt schriftlich beim Kurausschuss über rasenmähende »Gartennazis« in der Nachbarschaft schimpfte, die »das Gras im Sommer am Wachsen hindern«. Und noch sofortiger fällt mir ein, dass ich … Schluss für heute. Raus in den Garten. Ich muss ….
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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