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Sport-Stammtisch (vom 14. April)

Im Lostopf lagen Real, Liverpool und Rom, gezogen haben die Bayern … Niko Kovac. Aber zunächst einmal geht es gegen Real. Wird schwer. Genauso schwer würde es gegen Klopp  oder Rom. So viel zur Halbfinal-Auslosung. Weitere Worte wären Kaffeesatz-Leserei.
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Eine verrückte Fußball-Woche. Ronaldo pumpt sich auf, Messi geht unter, Klopp-Fußball schlägt Pep-Fußball, zwei alte italienische Tanten gehen ab wie junge Wilde … und die Bayern spazieren gemächlich an diesem Tumult vorbei ins Halbfinale. Sicher, souverän, unspektakulär. Sogar ohne ihren späten Dusel. Den hatten sie an Real Madrid ausgeliehen.
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Die Bayern sind die Chinesen des Fußballs. Nicht innovativ, nicht kreativ, aber erstklassige Übernehmer erfolgversprechender Methoden und Mitarbeiter. Mögen sich andere mit Versuch und Irrtum austoben, die Bayern antworten mit Abkupfern und Wegkaufen.
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Wie bei Niko Kovac. Passt ins Konzept. Auch er erfindet den Fußball nicht neu, sondern puzzelt aus dem, was er im Klub und auf dem Markt vorfindet, eine Mannschaft zusammen, die das Bestmögliche möglich macht. So hat er in Frankfurt aus (in Relation zum Tabellenstand) unterdurchschnittlichen Spielern eine überdurchschnittliche Mannschaft geformt. Aber, lieber Herr Hoeneß, das geht auch andersrum. Kann Kovac auch mit Überdurchschnittlichen?
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Und sonst? Die Fifa kokettiert mit einem obskuren 25-Milliarden-Angebot aus dem arabisch-asiatischen Raum. Blasen muss man aufblasen, bevor sie platzen können. – Skandal im Biathlon. Doping-Vertuschung, natürlich die bösen, bösen Russen. Ihr sinistrer Überläufer hat wieder zugeschlagen, vollverschleiert im Fernsehen. Irre Szene. – Noch’n Skandal: Auch die Winterspiele von Pyeongchang waren gekauft, heißt es. Ach was!? Wer hätte das gedacht? Wussten Sie schon, dass die Erde keine Scheibe ist?
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Klar wussten Sie das. Ist ja seit 1968 bekannt. Vorher war Steinzeit auf deutscher Erde, die noch eine Scheibe war. Und unter den Talaren der Muff von 1000 Jahren. Bis APO, Dutschke, Joschka & Co kamen. Nun feiern die 68er Jubiläum, sich selbst verklärend. Ich werde als Zeitzeuge oft von Jüngeren angesprochen, anerkennend und neidisch, in unserer Generation sei wenigstens noch etwas los gewesen, wir hätten etwas bewegt und wild und frei gelebt. Ach, Leute, wenn ihr wüsstet! Die Wilden, Freien, die durch die Institutionen marschiert sind und sich jetzt schon im Lehnstuhl (oder noch im Lehrstuhl) feiern lassen, waren nicht weniger spießig als die, gegen die sie angetreten waren. »1968«, das war nicht viel mehr als ein ganz normaler Generationenkonflikt, verschärft durch die Nazi-Eltern, und die größte Revolution war … die Pille.
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Dass auch ich ein revolutionäres 68er-Jubiläum feiere, fiel mir erst ein, als ich in dieser Woche in unserer Zeitung von einer Goldenen Hochzeit las. Der Name … Flashback … Proseminar. Thema: Der junge Goethe. Der Jubilar, damals junger Germanistik-Dozent, gibt meinem Referat nur ein »Befriedigend« und begründet die schlechte Note in höchster Empörung: »Ihnen fehlt die poetische Ader!« Ich hatte gewagt, die in der germanistischen Literatur fast im Stil von Lore-Romanen überhöhte Liebe Goethes zu Charlotte Buff eher prosaisch und biologisch motiviert zu sehen. Das Testosteron! Aber im Seminarraum ging meine sexuelle Revolution 1968 in die Hose.
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Obwohl wir ja saßen (oder: weil?), und wie wir spätestens seit der letzten »Sport-Stammtisch«-Kolumne und dem alten Sportpädagogen Vieth wissen, wird »bey dem beständigen Sitzen, man möchte sagen, verwünschten Sitzen« ein »schädlicher Reiz« erregt, der den jugendlichen Geist in die Onanie treibt. Vielleicht hatten die 68er darum so viel Sitzfleisch in ihren Diskussionen. Auch die Geschichte der Sit-Ins muss neu geschrieben werden.
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Und schon marschiert die konterrevolutionäre Gegenbewegung. Ja, sie gibt es! Lesen Sie mal die »Gemeinsame Erklärung 2018« mit Namen von Tellkamp bis Broder (Näheres bitte googeln). Die Gegenrevolution kämpft an allen Fronten. In der Zeit verkündet der Top-Designer Philippe Stark, das Sitzen werde abgeschafft, es sei eine unnatürliche Position. Daher werde es auch spätestens in 20 Jahren keine Stühle mehr geben. Darüber witzelt das »Streiflicht« der Süddeutschen Zeitung, auch in Sachen spätpubertäre Albernheit meine Kolumnen übertreffend: »Wer betrunken ist, hat keinen mehr sitzen, sondern, ach, komm, das führt ja alles zu nichts.«
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Stimmt. Ich schreibe diese Kolumne noch im Sitzen und bin schon ganz durcheinander. Die verrückte Fußball-Woche, die bayerischen Fußball-Chinesen, die wilden alten italienischen Tanten, der vollverschleierte Überläufer, der Goethe-Flashback, die poetische Ader, das 68-Jubiläum und seine Folgen, die konterrevolutionäre Gegenrevolution … und in der Ferne höre ich mit Grausen, Trumps irre Twitter-Maschine sausen. Der nackte Wahnsinn.
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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