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Donnerstag, 12. April, 10.50 Uhr

APO, Dutschke, Joschka & Co. Die 68er. Sie feiern Jubiläum. Verklärt, verschönt. Vor allem die Jüngeren, nicht Dabeigewesenen verklären. Ich werde als Dabeigewesener angesprochen, anerkennend und neidisch heißt es, in unserer Generation sei wenigstens noch etwas los gewesen, wir hätten etwas bewegt und wild und frei gelebt. Ach, Leute, wenn ihr dabei gewesen wärt, würdet ihr euch keine Illusionen machen. Ich war nicht mittendrin, sondern am Rande, da, wo mein Platz ist, als Beobachter aus einer fernen Galaxie. Die Wilden, Freien, die durch die Institutionen marschiert sind und sich jetzt im Lehnstuhl (oder noch im Lehrstuhl) feiern lassen, waren nicht weniger spießig als die, gegen die sie angetreten sind. Nicht viel mehr als ein ganz normaler Generationenkonflikt, verschärft durch die Nazi-Eltern, und die größte Revolution war … die Pille.

Einmal habe ich auch mitdemonstriert. Gegen die Notstandsgesetze. Nach Jaspers‘ „Wohin treibt die Bundesrepublik?“, Pflichtlektüre im politischen Pflichtseminar fürs Propädeutikum (gibt es sicher heute nicht mehr, war auch überflüssig). Aber auch bei dieser Demo nicht mittendrin, sondern am Rande. Ich konnte und kann nicht mit dem Haufen raufen, egal, welcher Haufen gerade rauft.

Flashback. Proseminar. Goethe. Heute in der Zeitung eine Goldene Hochzeit. Der Jubilar, damals junger Germanistik-Dozent,  hatte mir nach einem Referat bescheint, „keine poetische Ader“ zu haben. Weil … ach, nee, ich heb’s mir auf für die morgen zu schreibende Kolumne. Muss auch noch mal im alten „Sport-Leben“ (siehe Links rechts) nachlesen, da habe ich es schon erwähnt.

Gemeinsame Erklärung 2018. Revolutionäre Konterrevolution, von Tellkamp bis Broder. Auch mit diesem Haufen raufe ich nicht. Obwohl ich ihm mehr zustimme als ihn ablehne. Den kurzen Text, nicht die Leute. Die sind bunt gemischt. Den Text müssen Sie, falls Sie ihn nicht kennen, schon selbst googeln, wenn ich es mache, müsste ich vorher den Blog schließen, sonst fliegt er mir weg. Ich will aber im Flow bleiben.

Gedanken-Experiment. Eine Überwachungskamera filmt am, sagen wir, 12. April 1950 um … wie spät ist es jetzt? … 11.12 Uhr fünf Minuten lang die Menschen auf der Hauptgeschäftsstraße einer x-beliebigen mittelgroßen Stadt. Gleiches Procedere zehn Jahre später. Und 1970, 1980, 1990, 2000, 2010 und 2018. Die Sequenzen werden heute in ihrer Chronologie abgespielt. Ergebnis: Die Zusammensetzung der Bevölkerung hat sich geändert. Erst langsam, schleichend, dann immer schneller. Frappierend, wie schnell von 2010 bis heute. Ein drastischer Wechsel, klarer Fall. Man kann das schlimm finden, gut finden, das kann einem egal sein, aber was man nicht kann: die Tatsache bestreiten.

Beobachtung am ungarischen Wahltag. Als im Laufe des Tages klar wurde, dass es eine erstaunlich hohe Wahlbeteiligung gibt, jubilierten unsere Nachrichtensprecher über die freiheitlich-demokratische Widerstandsbewegung, die es Orban zeigen wolle. Als Orbans klarer Sieg gemeldet werden musste, klang in den Kommentaren durch: weil die dumpfe Masse manipuliert worden ist. Das Problem in Ungarn und bei uns: Wenn das Volk nicht so will, wie die Nomenklatura will, kann sie leider Brechts Vorschlag nicht umsetzen, sich ein anderes Volk zu wählen.

Nomenklatura. Tonangebende Schicht in Politik, Verwaltung und Medien, meist gut miteinander vernetzt, austauschbar und sich austauschend, auch in den lukrativen Stellen. Viele in dieser Nomenklatura haben das Problem erkannt, aber wer will es wie ändern? Wäre ja auch masochistisch.

Politikerin. MdB. Sportpolitisch aktiv. Doping-Bekämpferin. Sicher eine ehrenwerte, vielleicht auch (ich kenne sie nicht persönlich) eine angenehme Frau. Auf Facebook postet sie, was sie alles treibt. Vor allem, in der Welt herumzufliegen. Gute Gespräche führen mit Gleichgesinnten und Gleichgestellten. Ich sehe mir die Posts an und habe ein zwiespältiges Gefühl. Ich kann es nicht benennen. Nein, ich will es nicht.

Die 68er, ihr Marsch durch die Institutionen (einer der erfolgreichsten Märsche der Marschgeschichte), die Folgen, die Erklärung 2018, die Kamera-Sequenzen von 1950 bis heute, die heutige Nomenklatura, die Flashbacks … alles wirbelt im Kopf herum, wirr, werden die einen sagen, so isses die anderen … und in der Ferne hören wir mit Grausen, Trumps Twitter-Maschine sausen. Der nackte Wahnsinn.

Baumhausbeichte - Novelle