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Montagsthemen (vom 9. April)

Playoffs seien »einfach total unfair«, sagt Uli Hoeneß. Klar, stimmt. Wer nach 34 Spieltagen führt, ist der wahre Meister. Wer den Titel schon nach der 29. Runde feiert, ist ein meisterlicher Meister. Den Glückwunsch haben sich die Bayern sportlich redlich verdient. Von daher wären Playoffs tatsächlich total unfair. Aber total spannend. Auch, weil die Chancen der Bayern auf den deutschen Titel von langweiligen 98 auf 50 oder 60 Prozent fielen.
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Wir haben sie ja auch schon, diese Playoffs. Nicht nur in anderen Sportarten, nicht nur in den USA, sondern auch bei uns, im Fußball. Hier heißen die Playoffs »Champions League«, und wer als Favorit vor dem Finale scheitert, seien es die Bayern oder Manchester City, hat die Saison in den Sand gesetzt. Wie in der NBA, wo am Ende ein Titel in der »Pacific Division, Western Conference« so viel zählt wie die Liga-Meisterschaft des FCB oder von ManCity.
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Von daher zählt auch für Pep Guardiola die Niederlage im Manchester-Derby nicht, aber bei einem Ausscheiden gegen die Kloppos aus Liverpool wäre alles nichts, inklusive der Meisterschaft in der »Southern Division, British Conference«. Doch Pep hatte an diesem Wochenende allen anderen Grund zu jubilieren, nachdem sein geliebter Führer, der Putsch-Dämon katalanischer Identitären, in und durch Deutschland einen großen Sieg feiern durfte. Kleinstaaterei ganz groß im Kommen. Wasser auf unsere Mühlen als identische Oberhessen. Freiheid, die isch meine …
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Vor Gericht und auf hoher See ist man … nee, nicht in Gottes Hand, jedenfalls nicht vor Gericht, da wird irdisches Recht gesprochen, vor dem DFB-Gericht sogar unterirdisches. Die Rücknahme der gelb-roten Karte für Nils Petersen ist nicht nur eine Verbeugung vor einem wutzappelnden Freiburger Rumpelstilzchen, sondern kann unabsehbare Folgen haben. Die Unsitte, einer unvermeidlichen gelben Karte den Rücken zu kehren und vor ihr zu fliehen, wird legalisiert, selbst wenn der Schiedsrichter dem Spieler folgt, mit dem Finger in den Rücken piekst und ihn akustisch verwarnt. Erst enteiert der DFB seine Schiedsrichter in Kölner Kellern, dann lässt er sie von seiner eigenen Justitia abwatschen.
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Abgewatscht wird auch, vom Zeitgeist, und enteiert sowieso, wer gegen den unaufhaltsamen Aufstieg des Daddelns zum anerkannten Volkssport anstänkert. Viele hängen ihr Mäntelchen in den Wind und hoffen, dass er ihnen den Mief wegbläst. Anderen stinkt das gewaltig. Aber wir sind leider wie die Bienen, wir werden immer weniger, dezimiert von Modernen Zeiten.
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Dem E-Sport hängen wir … ach, hör bloß uff mit dem »Wir« … hänge ich weder ein sportliches Mäntelchen um noch ein modernistisches »s« an. Ich hoffe aber so unverdrossen wie weltfremd auf den Vizepräsidenten des E-Sport-Bundes, zuvor Geschäftsführer der Basketball-Bundesliga (!), der sein neues Metier preist: »E-Sport gleicht momentan einer Rakete.« Schießt sie auf den Mond!
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Lobbyisten des E-Sports (mit »s« hier nur wegen des Genitivs) zählen gerne alle sportlichen Fähigkeiten auf, die ein Schnelldaddler benötigt, zum Beispiel im Vergleich zu Schach oder Bogenschießen. Wer nicht zustimmt und sogar gegen den E-Sport wettert, er sei verderblich für die Jugend, wird schnell in die Ecke von Daniel Gottlob Moritz Schreber und Gerhard Ulrich Anton Vieth gestellt, um sich dort in Grund und Boden zu schämen.
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Auch diese beiden Altvorderen hatten Vorurteile gegen einen weltweit und vor allem in der Jugend verbreiteten Volkssport. Schreber hat zwar nicht die gleichnamigen Gärten erfunden, sie wurden erst nach seinem Tod ihm zu Ehren benannt. Erfunden hat er aber andere nützliche Dinge wie »Geradehalter«, die aufrechte Haltung bei Tisch erzwangen, aber auch mechanische Geräte, mit denen M-Sport (bekannt auch als O-Sport) verhindert werden sollte. Vieth empfahl einen sportpädagogischeren Ansatz. Statt zu Hause rumzusitzen, sollte die Jugend echten Sport treiben, mahnte er schon 1795 in seiner »Encyklopädie der Leibesübungen«. Denn »bey dem beständigen Sitzen, man möchte sagen, verwünschten Sitzen« werde ein schädlicher Reiz erregt. »Welches herrliche natürliche Mittel geben gymnastische Übungen, um vor der O. zu bewahren! Lasst den Knaben den Tag über sich müde laufen, ringen, springen, wenn er ermattet am Abend auf sein Lager hinsinkt, so wird der Schlaf ihn überraschen, ehe er an etwas anderes denken kann.«
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Mein lieber Vieth! Keine Ahnung von der Jugend und ihrem unermüdlichen Lauf. Außerdem schwebte ihm ein fragwürdiges Ideal vor: »Man sehe nur einen gut exercirten Soldaten an! Diesen männlichen Anstand, diese feste Einstellung, diesen muthigen Gang, diese Miene voll edlen Trotzes, geben nur Kriegsübungen.«
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Kein Wort mehr gegen den E-Sport! Statt draußen Kriegsübungen zu exerzieren, dann doch lieber voll edlen Trotzes zu Hause rumsitzen. Trotz aller schädlichen Reize.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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