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Sport-Stammtisch (vom 7. April)

These: Pep Guardiola ist der beste Trainer der Welt. Antithese: Geld schießt Tore. Synthese: Guardiola ist mit Manchester City unschlagbar. Oder was? Zum Glück ist auch im Fußball die Welt nicht so einfach wie im dialektischen Abzählvers. Da kommt der nicht ganz so beste Trainer der Welt mit den nicht ganz so teuersten Spielern, vermöbelt mit dem nicht ganz so besten System die Spielfiguren des Supersystem-Gurus, in Liverpool und in der Klopp-Welt um Liverpool herum, die bis Dortmund und weit über Dortmund hinaus reicht, rasten die Fans aus … und ahnen dennoch, dass es auch ganz anders hätte ausgehen können, wenn in der Champions League schon der Bundesliga-Videoassistent mit von der Partie gewesen wäre. Fußball ist zwar das einfachste Spiel der Welt, aber im Fußball ist alles nicht so einfach.
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Vor fünf Jahren erschien den intellektuellen Fußball-Freunden der Messias. »Der beste Trainer der Welt wird Oberbayer«, kriegte sich sogar die alte Tante Zeit nicht mehr ein. Die intellektuelle Überhöhung des einstigen Proletensports boomte, da passte Pep Guardiola bestens in Bild. »Der Fußball hat auch das Männerbild verändert, Männer wurden weicher, sanfter. Der fast kahl rasierte Guardiola erscheint da noch als Steigerung. Schön mit Hirn« (Zeit). Weia, das ging gewaltig ins Höschen.
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Warum gilt Guardiola als bester Trainer der Welt? Was hat er ohne Barca/Messi erreicht? Der Kicker, nicht des intellektualisierenden Überschwangs verdächtig, schreibt vom »Tiki-Taka-Tod«, den die Bayern starben und der jetzt auch Manchester City droht: Überlegene  nationale  Meister, die in der Champions League  auseinandergenommen werden. Das geht nicht gegen Guardiola. Er stapelt nicht hoch, ihn stapeln die anderen hoch. Fußball-Romantiker freuen sich aber, wenn der theoretisch Oberbeste mit den faktisch Superteuersten scheitert.
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Und nun zum besten Fußballer der Welt. Klare Sache. Ronaldo. Sagen die einen.  Messi. Behaupten die anderen. Einen Dritten gibt es nicht. Es sei denn, er hieße Ronaldo Messi. Denn Ronaldo ist nicht der beste Fußballer der Welt, aber der beste Sportler unter den Fußballern. Messi ist ganz gewiss nicht der beste Sportler, aber der phänomenalste Fußballer. Ohne Ball am Fuß nur ein träger Mitläufer.
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Alle schwärmen von Ronaldos Sensations-Fallrückzieher.  Nur Zlatan Ibrahimovic nicht: »Das soll er mal aus 40 Metern machen.« Wie »Ibra« himself, wir erinnern uns. Aber es war natürlich eine Wahnsinnstat von Ronaldo, mit dem Fuß (2,42 m) fast in Torlattenhöhe (2,44). Diese Athletik, diese Sprungkraft, dieses Bewegungsgeschick, dieses Timing! Unnachahmlich. Ähnlich monumental wie Ronaldos Monster-Kopfball bei der EM 2016. Ronaldo, 1,85 groß, schwebte da mit dem Scheitel beim Sprung in 2,60 Meter Höhe. Differenz: 75 Zentimeter.
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Sehr stark. Allerdings: Beim interdisziplinär üblichen Sprungkrafttest (»Jump and reach«) schaffen das und noch mehr (bis über 100 cm) viele Volleyballer, Gewichtheber oder Werfer. Ohne Anlauf, aus dem Stand. Einst verbannten die Sport-Studio-Macher des ZDF das Torwandschießen aus der Sendung und ließen die Gäste »dschampen« (springen) und »rietschen«, also im Stand mit der hochgereckten Hand an der Wand die Reichhöhe messen, aus dem Stand springen und mit der (mit Magnesium eingeriebenen) Hand so weit oben wie möglich an die Wand schlagen. Die Differenz zwischen Reich- und Sprunghöhe wird gemessen. Versuchen Sie’s mal. 50 Zentimeter sind, na ja, nicht gut, aber schon recht ordentlich.
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War aber nur ein Intermezzo. Nach einigen Wochen kapitulierte das ZDF vor den Zuschauer-Protesten gegen die scheinbar langweilige Hüpferei und reaktivierte das Torwandschießen. Bis heute. So weit ich weiß. Denn mir ist das Sport-Studio schon längst zu langweilig (und zu spät) geworden.
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Ronaldo kam mit dem Fuß in Torlattenhöhe, Valerie Brumel (nur knapp 1,80 m) sogar an den Basketball-Ring (3,05 m). Valeri … wer? Brumel war ein Hochspringer der frühen 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, und er übersprang seine damalige Weltrekordhöhe von 2,28 m nicht im Flop, den Dick Fosbury erst zehn Jahre später erfand, sondern im Straddle, dem Tauchwälzer, also mit dem Bauch statt mit dem Rücken über der Latte. Jede Wette: Kein Flop-Springer könnte es Brumel gleichtun. Was aber nicht an der Sprungkraft liegt, sondern daran, dass bei Floppern  das Schwungbein kaum eine, beim Straddle aber eine entscheidende Rolle spielt. Aber das ist ein anderes Thema.
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Ganz anderes. Christian Streich gilt als guter Mensch von Freiburg. Daher findet er für seinen furchteinflößenden Wüterich-Auftritt auch so viel Verständnis. Vor allem bei Menschen, die ihm gefühlsmäßig nahe stehen, also in seinem eigenen Soziotop. Dem stehe zwar auch ich, wenn überhaupt, gefühlsmäßig näher als gewissen anderen Soziotopen, als heimatloser Wanderer zwischen diesen Welten staune ich aber immer über die jeweiligen Gewissheiten, auf der richtigen, der »guten« Seite zu stehen. Denn dann scheint jegliches Wüten gegen das Böse erlaubt, inklusive Gewalt. Nur: Was Gut und was Böse ist, bestimme immer ich in meinem Soziotop. Das hat schon viel Unheil in die Welt gebracht, fernab der possierlichen Trainerzonen mit ihren aufgeregten Menschlein, ist daher zwar kein ganz anderes Thema,   hat aber mit Sport nicht mehr allzu viel zu tun. (gw)
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(www.anstoss-gw.de  lgw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle