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Weitere Worte („Anstoß“ vom 3. April)

Nach dem Jammer kommt der Sammer. Zwischen den Bayern und Dortmund gab es keinen Klassenunterschied, denn was beide in München spielten, gehörte zu unterschiedlichen Sportarten. Nicht zu vergleichen, oder wenn, dann allenfalls mit dem Trainingsspiel einer ersten Mannschaft gegen ihre U16. Sammers Rückkehr auf einen Platz irgendwo zwischen den Chefstühlen wirkt ähnlich konfus wie das zum Erbarmen hilflose Geschehen auf dem Rasen. Aber immer noch stehen sie auf einem Champions-League-Platz. Bundesliga 2018.
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Freiburgs Trainer Christian Streich hat als Vordenker und Vorbild das Image einer intellektuellen Mutter Teresa auf Dialekt, aber wenn er ausrastet … und das tut er oft … also, bei Jürgen Klopp hat man nur Angst, dass er den Schiedsrichter zu Boden schreit. Bei Streich muss man befürchten, dass er ihn zu Boden beißt und würgt. Den kleinen Mann konnten nur drei kräftige Begleiter halbwegs bändigen. In seiner Wut wog er fünf Zentner.
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Ob sie berechtigt war, mögen andere beurteilen. Immerhin ist unstrittig, dass der Schiedsrichter beim ersten Gelb Petersen angetippt hat, der Freiburger also hätte wissen sollen, was Sache war. Jedenfalls konnte der Video-Assistent nicht helfen. Der beziehungsweise sein »Beweis« stellte anderen Orts aber wieder einmal nur zum, nun ja, Beweis, dass eine gute Sache schlecht angepackt wird. Und im Hintergrund lauert weiter mein Verdacht, dass dies kein Zufall ist, sondern Methode sein könnte. Seht nur, was ihr davon habt …
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Wer gewinnt das WM-Duell zwischen Gomez und Wagner? Vielleicht sogar beide? Nein, bei dem Überangebot von Klassespielern würde ein wichtiger Kaderplatz verschenkt. Also wer gewinnt? Radikale Lösung: Keiner von beiden, sondern Hoffenheims Mark Uth. Einer, der nicht nur treffen, sondern auch spielen kann. Seine Torquote pro Einsatzminute dürfte sich sehen lassen (ich habe sie beim Googeln leider nicht gefunden).
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Wieder hielten und riefen ein paar geistig Unbehauste unterbelichtete Parolen in die Kameras und Mikrofone. Was nur beachtet wird, weil Kameras und Mikrofone auf sie gerichtet sind. Wenn schon Skandal, dann nicht wegen der Parolen, sondern weil sie weltweit verbreitet werden. Früher brüllten sie am Wasserhäuschen: »Hängt den XY uff!« Drang in keinen Gehörgang. Heute dröhnt das Echo gedämpft durch die analogen Medien und grotesk digital verstärkt und potenziert durch die (a)sozialen Netze. Kleiner Hoffnungsschimmer: Facebook & Co. deuten an, dass meine Hoffnung nicht mehr ganz so weltfremd wirkt und die schmutzige digitale Blase bald platzen könnte.
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Da könnten mir noch ein paar Worte zum E-Sport einfallen, aber die vom Samstag sollten genügen. Als Nachtrag nur diese aktuelle Meldung des seriösen Fußball-Magazins Kicker vom 1. April. »Tim ›The StrxngeR‹ Katnawatos ist erstmals deutscher Meister der virtuellen Bundesliga. Der PlayStation-Profi vom FC Basel setzte sich im konsolenübergreifenden Finale in der Fußball-Simulation FIFA 18 gegen Mirza Jahic (Xbox) durch, der für den 1. FC Köln antrat. Nach einem torlosen Hinspiel gewann Katnawatos das Rückspiel deutlich mit 3:0 und sicherte sich ein Preisgeld in Höhe von 25 000 Euro.« – Nur ein Aprilscherz? Schön wär’s.
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Eine Berichtigung steht bei vornehmeren Medien unter der Rubrik »Erratum«. Saloppes Synonym: »Dumm gelaufen«. Anstößig in dieser Kolumne auch als »Scheiße gebaut« bekannt, aber nur, falls von mir. Wie bei der »Wer bin ich?«-Auflösung vom Donnerstag, bei der ich den Lösungsweg von Theo Nauheimer vorstellte, den Busecker Leser  aber in der Aufzählung vergaß. Sorry. Also Zusatzzahl: Es gab nicht acht, sondern neun Richtige.
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Kein Erratum (Irrtum), dass die Montagsthemen nicht mehr, wie zuvor jahrzehntelang und nur aus hessischem Trotz, auch nach Ostern und Pfingsten »Montagsthemen« heißen. Kalauer dieser Art sind aus der Zeit gefallen. Naturgemäß um einen Tag verschoben werden »Ohne weitere Worte«, die Lieblingskolumne vieler Leser (und ihres Schreibers). Daher heute nur ein Zitat, gefunden von Christoph Rathert, dem diese dienstägliche Kolumne »den Tagesbeginn verschönert«. Unser Leser stieß in der Zeit auf Worte des Bundestagspräsidenten Wolfgang Schäuble zum 333. Geburtstag von Johann Sebastian Bach: »In seinen Passionen zeigt Bach wie der Mensch ist: nicht großartig oder heldenhaft, sondern sündig und begrenzt. Der Mensch lügt, er verrät, er manipuliert, er lässt sich manipulieren. Die ganze Politikgeschichte wird, wenn Sie so wollen, in den Passionen mit verhandelt.« – »Vielleicht ist das ja für Rubrik interessant«, meint Christoph Rathert. – Nicht nur für diese Rubrik. Nicht nur für Politiker. Selbsterkenntnis tut not. Betonung auf »Selbst«.
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Dazu passen Worte aus der  Predigt unseres Lesers (und Pfarrers) Paul-Ulrich Lenz aus Schotten zu seinem 40. Ordinations-Jubiläum (herzlichen Glückwunsch!): »Keine Worte voller Niedertracht und Feindseligkeit und das ganze schlechte Geschwätz. Keine Worte für Lügen und Hetze. Keine Worte für Gemeinheiten und Lacher auf Kosten anderer. Wie gut wäre das für die Atmosphäre in unserer Umgebung und unserer Gesellschaft: Schluss mit der Hetze, die ausgrenzt, diffamiert, an die Instinkte und die Ängste appelliert.«
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Schaffen wir das? Schaffen Sie das? Ich? Dazu dann heute doch noch: »Ohne weitere Worte.«

Baumhausbeichte - Novelle