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Sport-Stammtisch (vom 31. März)

Spanien mit stolzgeschwellter Brust, Argentinien geknickt, Deutschland jauchzt erst halbhoch, ist dann mitteltief bedrückt, Brasilien feiert … Wiedergutmachung und Auferstehung gleichzeitig? Nichts von beidem, und auch alle anderen WM-Vorgefühle sind fehl am Testspielplatz. Auch Brasilien könnte bald wieder weinen. Für die Trainer gab es kleine individuelle Fingerzeige, für einige Spieler Positionsveränderungen im Nominierungsrennen, aber das war’s dann auch schon. Die Lage vor dem WM-Start ist unverändert, die Favoriten bleiben die gleichen, gleichauf und … viele: alle oben Genannten, dazu vor allem Frankreich und noch ein paar mehr, bis hin zu Belgien und, ja, auch England.
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Einer hat allerdings jetzt schon verloren. Nicht mal im Kader stand er. Mario Götze. »Was ist alles schiefgelaufen bei diesem Fußballspieler, den Trainer als Jahrhunderttalent bezeichneten?«, fragt die Zeit ziemlich ratlos. Ich weiß es natürlich auch nicht, habe nur eine Vermutung. Götze ist kein Instinktfußballer mehr, sondern ein Instagram-Kicker. Beim frühen Mario gab es zwischen Kopf und Fuß eine superschnelle Standleitung. Mit dem Aufstieg zum Teenie-Idol und Internet-Star kam ein Stopper in die Verbindung, ein zwischen die Einheit Kopf-Fuß eingebautes Verzögerungselement. Götze will sein Auftreten kontrollieren, gibt keine spontanen Interviews (was nicht falsch ist), produziert sich aber exzessiv in den sogenannten sozialen Medien, jeden Auftritt sorgsam inszenierend. So spielt er auch Fußball: Nicht mehr spontan, instinktiv, sondern kontrolliert und inszeniert – und daher wirken seine »Moves« nicht mehr verwirrend schnell, sondern träge.
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Na ja, vielleicht dummes Zeug. Vielleicht ist’s ja wirklich einzig und allein die mysteriöse Stoffwechselstörung. Jedenfalls: jammerschade. Wunderheilung gibt es nicht. Es sei denn … Klopp … Liverpool … beim Jung-BVB auf britische Art … wer weiß?
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Von Instagram, Twitter & Co. zum E-Sport ist’s nur ein kleiner Klick. Die GroKo hat dieses Tipp-Kick9.0 zum Regierungsauftrag erhoben und will »E-Sport als eigene Sportart anerkennen und bei der Schaffung einer olympische Perspektive unterstützen«. Rumgeschleime und Rangeschmeiße ans digital Hippe. Die Sporthochschule Köln schleimt mit und bescheinigt E-Sportlern eine weit höhere Leistungsfähigkeit als Normalbürgern, und die taz, natürlich, schmeißt sich vehement mit ran und schenkt dem E-Sport eine ganze redaktionelle Seite als unbezahlte Anzeige.
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E-Sport sei sportlicher als Schach, Bogenschießen oder Formel 1, behaupten seine Lobbyisten und verweisen auf »200 bis 300 Bewegungen von Gamern pro Minute«. Stimmt. In diesem Sinne war ich ein E-Sportler der ersten Stunde. Gibt es sie noch, den Gameboy und Tetris? Ich weiß es nicht und will es nicht wissen. Ich bin geheilt. Vor vielen Jahren spielte ich monatelang ein Fernduell mit meinem besten Freund. Einstürzende viereckige Klötze fugenlos einsortieren, immer schneller, immer schneller. Wir trieben uns zu Höchstleistungen, bis es in nervöse Ticks ausartete. Finger und Kopf zuckten noch lange nach der dicksten Rakete, die als Leistungs-Prämie auf dem Gameboy startete. – Tetris erfüllt die sportlichen Kriterien mindestens wie der E-Sport. Oder wie Ballerspiele. Mehr Sport bietet Paintball. Oder das nächtliche Raser-Duell in der Innenstadt. Noch mehr Sport gibt es nur bei der Ultimate-Fighting-Version von Hool-Derbies im Wald. Rein damit in den Koalitionsvertrag!
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Eines Tages erfuhr ich von einer offiziellen Tetris-Bestenliste in der Bravo und registrierte stolz, dass meine Punktzahl zu Platz drei gereicht hätte. Später Medaillenplatz für einen damals schon Ü50-Aktiven unter lauter schnellfingrigen Teenies. Erst als die Liebste aus meiner liebsten Zielgruppe ultimativ einschritt, gab ich auf, sah aber noch wochenlang Klötze vom Himmel regnen, schneller, immer schneller, immer sch…sch..sch…
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Mein Freund hatte am Schluss ein paar Punkte mehr auf dem Konto. Warum weiß ich das so genau, obwohl es ein unkontrollierbares Fernduell war, er in Berlin, ich in Hessen? Weil er es gesagt hat. Unter echten Sportlern gibt es keinen vorsätzlichen Betrug. Unvorstellbar, dass er mich oder ich ihn angelogen hätte.
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Unvorstellbar aber auch, was jetzt den australischen Nationalsport Cricket erschüttert: Der Nationalmannschafts-Kapitän stiftet einen Mitspieler an, den Spielball anzurauen, ein schweres Handicap für den Gegner. Die Sache fliegt auf, der schamgebeutelte Kapitän heult öffentlich, der Nationaltrainer tritt zurück, und die Australier, die so gerne als Saubermänner und Ankläger auftreten, sind geschockt (geschieht ihnen recht; kommt mir irgendwie bekannt vor).
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Im Kricket den Ball anzurauen ist vorsätzlicher Betrug. Dagegen ist die hässliche Schwalbe im Fußball »nur« eine spontane Vorteilsannahme. Übelster Betrug war das System Armstrong. Armstrongs Millionen-Prozess beginnt in Kürze, es geht um die absurde Frage, ob er seinen Sponsor US Postal betrogen habe. Wenn einen nicht, dann ihn! Auch Jan Ullrich hat Telekom nie betrogen, es sei denn, der Sponsor hatte Tomaten auf den Augen und Nullstrom im Sporthirn. Außerdem hat Ulle niemanden betrogen, der sich nicht die Jogginghose mit der Kneifzange anzieht, sondern sich gegen das System Armstrong notgewehrt.
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Ich weiß, ich weiß, alles Ansichtssache. Wie die arrogante Ignoranz, über Usain Bolts Fußball-Bemühungen abzulästern, »dass seine technischen Fähigkeiten kaum über die eines Drittliga-Fußballers hinausgehen« (SZ). Kaum? Also doch etwas, also schon zweitklassig. Stimmte es, wäre es eine phänomenale Leistung des Supersprinters. Am ehesten würdigen könnten dies … Drittliga-Fußballer.
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Zu guter, nein, zu schlechter Letzt noch abseits des Sports ein Wort zu Ostern. Dass in Deutschland aus wirtschaftlichen Gründen Jahr für Jahr 45 Millionen Küken geschreddert werden, ist so ungeheuerlich, dass wir lieber erst gar nicht darüber nachdenken wollen, was das für uns als gefühlt doch so empathische Wesen bedeutet. Frohe Ostern! (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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