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Montagsthemen (vom 26. März)

»Die beste und hochwertigste Stunde, die ein deutsches Testspiel zu bieten hatte« (FAS), »ein außergewöhnlicher Fußballabend« (FAZ), ein »Hochgenuss« (FR). Stimmt. Doch nur, weil beide »sich ausprobierten« (auch so ein nerviges Modewort). Sie werden auf andere, weniger spektakuläre Weise an ihr Duell herangehen, sollte es bei der WM wieder zustande kommen. Dennoch ein Genuss. Für den Moment.
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Aber diese Trikots! Diese »eckige Scheiße« (ein Typograph im FAZ-Interview). Schrift hat die Aufgabe, lesbar zu sein. Falls nicht, ist sie bloßes Gekrakel, ob mit der handschriftlichen Sauklaue oder dem modernistischen Getue am Computer. Doch dieser künstliche Kubismus.2 stört mich weniger als das, was bei Adidas und dem DFB und all den anderen dahinter steckt, wenn sie Jahr für Jahr neue Trikots auf den Markt werfen: Geldschneiderei der übelsten Art, mit Kindern, die als Geiseln genommen und als Erpresser missbraucht werden.
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Schluss für heute mit Fußball. In den USA grassiert die March Madness. Das ist keine Grippewelle, auch nicht Vettels Auftaktsieg (trotz von mir verhängter Strafrunde wegen selbst verschuldeten Frisur-Unfalls), sondern die College-Meisterschaft im Basketball, bei der ein Deutscher, Moritz Wagner, mit Michigan im Halbfinale steht. Diese March Madness ist nicht zu verwechseln mit der Trump Madness, denn die kennt keine monatliche Begrenzung. Sie auszu … Achtung! … merzen, dazu reicht ein einziger March for Our Lives nicht aus. Aber er ist ein Anfang. Weckt Frühlingsgefühle.
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Die hat auch der Märzhase. So heißt der Rammler im März, weil er in diesem Monat als Subjekt nur an sein Verb denkt. Dann wirkt er »extrem verrückt und paranoid. Oft wirft er mit Dingen um sich«. So definiert Wikipedia nicht Trump, sondern den Märzhasen, und der nimmt bekanntlich an einer anderen Tea-Party teil – bei Alice im Wunderland.
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Uns droht demnächst eine Mai Madness, denn dann »kommt die Eishockey-WM, und ich lese jetzt schon die Schlagzeilen von Bild und Co.: Vize-Olympiasieger Deutschland blamiert sich bis auf die Knochen … ich darf gar nicht daran denken. Da wird mir jetzt schon schlecht«, mailt unser Leser Andreas Kautz, und ich fürchte, gegen diese Übelkeit gibt es kein Gegenmittel. Ich kenne sie aus der Leichtathletik. Da läuft, springt, wirft jemand herausragend gut, aber stets folgt … verfehlt aber den Weltrekord um XY Zentimeter/Hundertstel. Eben der ganz normale Wahnsinn, dieser mediale Märzhase, der ganzjährig verrückt spielt.
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Jetzt beginnt die Freizeitradler-Saison, ob mit oder ohne Akku. Doch Vorsicht, liebe Pedelec-Fahrer, lasst euch von einer verrückten Statistik nicht verrückt machen. Die besagt, dass die Unfälle mit Pedelecs 2017 um sagenhafte 28 Prozent gestiegen sind. Sie verschweigt aber, dass die Zahl der Pedelecs noch deutlicher gestiegen ist. Das erinnert mich an eine aktuelle statistische Zahl: 6000 Tote durch Stickoxide! Wenn man ähnliche Statistiken addiert (X Tote durch Asbest/Zucker/Salz/Alkohol/Ozonloch/Genmanipulation/Doping/Cholesterin und und und), wird einem angst und bange bei offenbar über 30 Milliarden Menschen auf der Welt.
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Bei einer anderen Zahl steckt der Wahnsinn im menschlichen Makel der Selbstüberschätzung. 80 Prozent der Autofahrer sind überzeugt, besser zu fahren als der Durchschnitt. Darüber kann man schmunzeln, nicht aber über einen anderen Effekt: Menschen, die sich überschätzen, zu dreistem Eigenlob neigen und sich auftrumpfend inszenieren, genießen mehr Einfluss, Respekt und Prominenz als andere, die fähiger sind. Wir kennen das ja, sind umgeben von Mini-Trumps und Mini-Vettels. Letztere werden uns im Einzelfall sogar gefährlicher, vor allem im Gegenverkehr.
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Andere Gefahren werden oft überschätzt. Wie gestern bei der Zeitumstellung. Das Gejammere vom Jetlag ähnelt der alarmistischen Überempfindlichkeit in anderen Umweltdingen. Nur echte Gewohnheitstiere, also Haustiere, leiden wirklich. Kühe zum Beispiel, die ihre Melkzeiten gewohnt sind. Hunde eher weniger. Zwar möchte unserer pünktlich gefüttert werden, das heißt bei ihm aber: IMMER!
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Zu schlechter Letzt: Unsere Leserin Doris Heyer »dachte, ich fall vom Stuhl«, als sie am letzten Mittwoch das ARD-Magazin extra3 sah, in dem die Zeitumstellung thematisiert wurde und der Moderator meinte, es sei in schönen Städten zwar wunderbar, wenn es abends länger hell ist »aber in Städten wie Gießen oder Bitterfeld gewiss nicht, wer will da abends noch länger unterwegs sein«. Mensch, Kerle: Gießen im Sommer abends an der Lahn ist ein süßes und kein bitter Feld! – Sorry, lieber Bitterfelder, ist nur ein Kalauer. Ich bin solidarisch mit euch!
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Zu guter Letzt: Die laufende »Wer bin ich?«-Runde ist abgeschlossen. Sehr selektiv, demnächst mehr dazu. Die letzte von nur acht richtigen Lösungen kam von Paul-Ulrich Lenz aus Schotten, »nicht gegoogelt, nicht gesucht – heute morgen beim Frühstückmachen«. Eingebungen ähnlicher Art wünsche ich zum Wochenanfang allen Lesern. Auch wenn sie nicht den Startvorteil von Paul-Ulrich Lenz haben. Er ist Pfarrer im Ruhestand, seine Inspiration kommt von ganz oben. (gw)
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(www.anstoss-gw.de  gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle