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Sport-Stammtisch (vom 24. März)

Deutscher Minderwertigkeitskomplex fährt sprachlich am DFB-Mannschaftsbus mit: BEST NEVER REST. Ist es vorstellbar, dass England mit der Parole »Wer rastet, der rostet« gen Russland fährt? Ähnliches Symptom: Aus aktuellem Anlass geistert derzeit ein gewisser »Sackerböörk« durch die Nachrichten. Wir haben diese Beflissenheit sogar zur olympischen Disziplin erhoben. 1988 in Seoul gewann »Soul« den Ausspracheverrenkungswettbewerb vor »Saul«, »Mon-tri-ohl« siegte 1976 vor »Mon-real«, und 2008 in Peking konkurrierten »Bei-jing«, »Pei-ching« sowie diverse südchinesische Dialekte um die Sprachhoheit. In jedem Fall gewann Deutschland die Blechsprechmedaille, da andere Länder nicht teilnahmen, sondern von Seoul bis Peking alle Städtenamen ohne Zungenverrenkungen so aussprachen, wie ihnen der nationale Schnabel gewachsen war.
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Blechsprechmedaille. Zum Glück muss ich das Wort nur schreiben. Gäbe es diese Kolumne als Podcast, würden Sie einen alten Hessen sehen, der Ihnen etwas von einer Bleschschpreschmedaille erzählt.
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BEST NEVER REST. Das WM-Motto der Nationalmannschaft ist nicht nur sprachlich armselig, sondern auch sportlich fatal, wenn es denn im Training praktisch umgesetzt würde. Denn Erfolg bringt nicht das rastlose Belasten, sondern das gezielt dosierte Rasten zwischen den Belastungsreizen in den Trainingseinheiten und zwischen den Trainingstagen.
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Sorry … also, ich meine: Entschuldigung, ich will Sie nicht mit Trainingslehre langweilen. Außerdem wäre »WIR RUHEN SANFT« zwar sprachlich und sportlich angemessener, aber vielleicht misszuverstehen. Schluss damit.
Schluss macht auch Thomas Haas. Nach dem endgültigsten seiner endgültigen Rücktritte erinnerte ich mich wieder an seine Anfänge als Anlageobjekt einer »Tennistalentförderung GmbH und Co. KG« seines Vaters. 15 Anleger ließen jeweils 50 000 Mark einfließen, was jedem 15 Jahre lang eine Beteiligung von einem Prozent an allen Einnahmen garantieren sollte. Die Sache endete mit Knatsch vor Gericht. Schlauere Anleger, vor allem Fußballer, investierten damals lieber in Bauherrenmodelle …. kleiner Scherz für Leser mit langem Gedächtnis.
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Zu den Haas-Förderern gehörte auch Helmut Markwort, und wegen ihm fiel mir die alte Haas-Geschichte wieder ein. Vom jungen Markwort las ich Kolumnen in der Fernsehzeitschrift Gong, die mir sehr gut gefielen, auch weil sein Nomen ein Omen war. Später machte er große Karriere, Focus usw., und jetzt tauchte er gleichzeitig mit Haas’ Abschied wieder in den Schlagzeilen auf, denn der ehemals junge Wilde vom »Gong« kandidiert bei den bayerischen Wahlen für die FDP und will im Landtag Alterspräsident werden. Greise, wie die Zeit vergeht!
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Ein anderer ist schon Parlamentspräsident, sogar ein paar Stufen höher. Als er noch ein junger Wilder war, fiel er mir ebenfalls als sportlicher Förderer auf, da der junge Politiker 1977 zum Thema Doping sagte: »Wir wollen solche Mittel unter verantwortlicher Kontrolle der Sportmediziner einsetzen, weil es offenbar Disziplinen gibt, in denen ohne Einsatz dieser Mittel der leistungssportliche Wettbewerb in der Weltkonkurrenz nicht mehr mitgehalten werden kann.« Verklausuliert, aber ehrlich. Wer allerdings Wolfgang Schäuble heute darauf anspricht, darf nicht mit Altersmilde rechnen, sondern würde verächtlich abgebürstet.
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Ein Fall für die ARD-Dopingredaktion und deren Chef Hajo Seppelt? Dessen Vertrag wurde in diesen Tagen verlängert, was bedeutet: Er wird weiterhin Doping-Skandale aufdecken, vorzugsweise in Russland, denn ohne Doping-Skandale gäbe es keine Dopingredaktion. Und ohne Doping-Regelwerk, dieses Alleinstellungsmerkmal des Sports, gäbe es kein Doping. Logik mit dem Holzhammer? Klingt kaltschnäuzig, ist aber nur … hilflos.
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Der Holzhammer ist aber immerhin humaner als eine Eisenstange. Mit diesem hammerharten Übergang zu einem anderen Thema, dem Film um das Eisenstangenattentat 1994, die »Eishexe« Tonya Harding und ihr Opfer, das All-American-Girl Nancy Kerrigan. Die spielte später noch eine andere interessante Rolle. Als Astrophysiker dunkle Löcher am Rand des Universums entdeckten und sich mit dem Rätsel beschäftigten, warum sich die dunkle Energie gerade jetzt und dort bemerkbar machte, nannten sie es »Nancy-Kerrigan-Problem«, weil die Eiskunstläuferin »why me?, why now?« rief, als der gedungene Attentäter zuschlug.
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Zum Abschuss der Wintersport-Saison möchte ich neue olympische Disziplinen vorschlagen, damit das Fernsehen endlich 24 Stunden non stop übertragen kann. Mein Vorbild ist das Hochfügener Seilrennen, das Mitte April zum 55. Mal stattfindet und den Olympia-Machern bisher entgangen ist. Schon das Motto klingt viel schöner als »Best never rest«: »Zammhalten«. Dreier-Teams auf Ski, deren Läufer jeweils mit einem Seil verbunden sind, treten gegeneinander an. Es gibt Familien-Teams, Firmen- oder Mottoseilschaften, olympisch gäbe es für die Anzahl der Disziplinen keine Grenzen durch Mixed, Staffeln und andere Scherze.
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Fragt sich bloß, ob auch eine in Hochfügen besonders beliebte Disziplin olympifiziert werden könnte, »Der flotte Dreier«. Bei ihm ist laut Ausschreibung »fast alles erlaubt – was zählt ist das gemeinsame Erlebnis«.
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Noch besser gefällt mir der Wettbewerb, den jener nicht so richtig flotte Dreier gewinnt, der der Durchschnittszeit aller Teams am nächsten kommt. Damit erhielte das verlogenste aller olympischen Mottos endlich einmal seine Berechtigung: Teilnehmen ist wichtiger als Siegen.
Das wäre ja auch ein schönes Wort zum Sonntag: Nur wer nicht der Beste sein will kann gewinnen.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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