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Rück-Blog (vom 22. März)

»Sport, Gott & die Welt« begleitet und ergänzt im Internet die Zeitungs-Kolumnen von »gw«. Ab und an veröffentlichen wir Auszüge, zuletzt vor mehr als einem Vierteljahr – es wird also wieder Zeit für den »Rück-Blog«. Wer mehr davon lesen will: Bitte klicken Sie rein.
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26. November. Gießen in der Weltpresse. Vor zig Jahren, frisch in der Chefredaktion, wollte ich die Lokalredaktion inspirieren. Dazu gehörte auch eine Pro- und Kontra-Serie. Erste Folge: Paragraph 218. Abtreibung. Ein Physiker vertrat die christliche Auffassung, eine Frauenbeauftragte war seine Gegenspielerin. Ich dachte wieder daran, als es jetzt um die Gießener Ärztin ging, die wegen unzulässiger Werbung für Abtreibung verurteilt wurde. Man kann die Sache aus mindestens drei Blickwinkeln sehen: dem juristischen (mangels Fachkenntnis passe ich), dem dualistischen (das Lagerdenken, das den jeweils anderen so akzeptiert wie BVB-Fans die der Schalker und umgekehrt) und dem  unsicheren, allen Argumenten gegenüber offenen. Ein zutiefst menschliches Problem, ein grundexistenzielles, das juristisch nicht zu lösen ist, mit schrillen Tönen aus beiden Lagern sowieso nicht, und menschlich? Auch nicht.
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10. Dezember. Pfiffe gegen Heynckes in Frankfurt. Verständlich bei Fans mit Elefantengedächtnis, die vergessen nichts. Aber sie sollten auch mal in sich gehen und prüfen, ob sie damals nicht zu der riesengroßen Mehrheit gehört haben, die Heynckes in der Anfangs- und Mittelphase seiner »Legatisierung der Okochas« inbrünstig zugestimmt haben. Ich weiß noch, wie einsam und allein ich auf weiter Flur war.

24. Dezember. Heute früh erfahren: »Lambi« ist gestorben. Hans Leciejewski, ein guter alter Bekannter aus Heidelberg. 73 Jahre alt, nach langer Krankheit. Spielte Basketball beim USC, war Nationalspieler, auch deutscher Meister im USC-Team mit Kämpen wie Hannes Neumann, Volker Heindel, Jürgen Loibl und Klaus Urmitzer. Später, und das für mehr als 30 Jahre, wurde er Leiter des Heidelberger Leistungszentrums. Da musste er R. und mir unbefristetes Hausverbot erteilen. Ich nahm es ihm nicht übel, sah ein, dass er das tun musste. Was wir getan hatten (nichts ansatzweise Verbotenes!) ließ ihm keine andere Wahl. Jetzt weiß nur ich es noch. Es bleibt also ein Geheimnis. Lambi, mach’s gut!
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17. Januar. »Sphinx ohne Geheimnis«, ein Porträt von Theresa May in der FAZ. Ohne Geheimnisse? Ich würde gerne wissen, woher Mays merkwürdige Körperhaltung kommt. Als Kind habe ich einen Befund auswendig gelernt, nach dem ich in ein Korsett gesteckt werden sollte: »Vermehrte Skoliose bei verminderter Reklination und Seitneige«. Hat sich zum Glück ohne das Schreckgespenst Korsett einigermaßen verwachsen.

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21. Januar. Ich will, heute oder später, versuchen, die Fußballklubs mit Opernhäusern zu vergleichen. Auch dort schließen die Stars der Szene Verträge ab, von Spielzeit zu Spielzeit, wechseln wie sie wollen, kaum einer hat echte Wurzeln in und Langzeitbeziehung zu einem Haus, und niemanden stört es. Sogar Ultra-Fans gibt es dort. Da muss ich noch mal nachschauen, wie das mit Herzog, Kinski und der Oper im Urwald war. Bei Kinski könnte ich auch den Bogen zum Missbrauchsthema schlagen.
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4. März. Auf der Fahrt gestern von der Nordsee nach Mittelhessen war Deutschland links und rechts der Autobahn trotz der langen Kälteperiode so gut wie schneefrei. Nur auf einer ganz kurzen Strecke bei Flensburg türmte sich noch der Schnee (ach ja, der Spielausfall der Handballer).
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11. März. Meldung als Storchenfahnder: Der erste ist da! Steht in seinem Nest an der Lahn bei Atzbach. Derselbe, der im vorigen Jahr zusammen mit seiner Gefährtin zwei Storchenbabys hatte, die den nassen Sommer aber nicht überlebt haben. – Korrekturen: Ich weiß nicht, ob er der erste an der Lahn bei Atzbach ist, nicht, dass er ein Er ist, nicht, dass er derselbe ist. Richtig ist: Ein Storch ist da.
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12. März. Interview mit Christiane Nüsslein-Volhard im SZ-Magazin. Großartige Frau. Am liebsten hätte ich die komplette »Ohne weitere Worte«-Kolumne mit ihren Sätzen gefüllt. Hier im Blog eine kleine Zugabe. Über den Nobelpreisträger Tim Hunt, der an seiner Uni zurücktreten musste, weil er in einer Rede diesen Scherz über Frauen in der Wissenschaft gemacht hatte: Drei Dinge geschehen, wenn sie im Labor sind: Man verliebt sich in sie, sie verlieben sich in einen, und wenn Sie sie kritisieren, weinen sie. – Nüsslein-Volhard: »Ich bin mit Tim befreundet und finde, es war gemein, was die ihm angetan haben. Typisch humorlose Feministinnen.« – Wenn jetzt aber männliche Dumpfbacken der Nobelpreisträgerin Primitivo-Beifall klatschen, sollten sie wissen: Die blickt euch streng an, und schon seid ihr soo klein. Und dann raucht sie euch in der Pfeife.
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Ungetwittert. Der Islam gehört/gehört nicht zu Deutschland. In beiden Versionen ein Nonsens-Satz.
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Sonntag, 18. März, 6.40 Uhr: Draußen frische Schneedecke, es schneit und ist saukalt. Vor ein paar Tagen schrieb ich im Blog über den ersten Storch der Saison, den ich in der Lahnaue gesehen habe. Der arme Kerl. Was macht er heute bloß?
Zurückfliegen ist keine Option. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle