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Montagsthemen (vom 19. März)

Am Sonntag  aufgewacht und rausgeschaut. Wen sehe ich? Putin biegt vor dem Wahlsieg auf die Zielgerade ein, alle sogenannten Gegner sind längst überrundet, und dennoch startet er einen gewaltigen Endspurt, schwingt wieder die Russenpeitsche und beschießt uns mit Schneekanonen. Hör endlich uff!
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Ich fürchte um »mein« Derby. Ich gegen mich. Wetzlar gegen Gießen, meine beiden Heimatstädte, halb und halb. Gießen und Wetzlar haben kein Verhältnis wie Frankfurt und Offenbach, sondern gar kein Verhältnis. Als trennte beide ein eiserner Vorhang. Ich bin ein Scheidungskind der Lahnstadt. Ältere erinnern sich an diese (Kon-)Fusion zur Großstadt.
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»Strich durch Vorurteile.« Aktionstag in der Bundesliga »für eine friedliche und tolerante Gesellschaft«. Wohlfeile Worte zum halben Preis. Sie tun denen gut, die sie aussprechen und erreichen die nicht, an die sie gerichtet sind. Sonderrabatt fürs Wohlfühl-Gewissen. Erinnert mich an eine ähnlich sehr, sehr gut gemeinte Aktion, als die Liga fünf Minuten lang ohne Rechtsaußen spielte. Um im Bild zu bleiben: Es folgten 85 Minuten mit Rechtsaußen.
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Nicht den billigen halben, sondern den sehr teuren ganzen Preis zahlten mutige Männer wie Tommie Smith und John Carlos. Olympia 1968, 200-m-Siegerehrung, Smith und Carlos stehen auf dem Podest, die schwarz behandschuhte Faust gen Himmel gereckt. Nicht nur Black-Power-Demo, sondern auch Protest gegen Diskriminierung jeglicher Art. IOC-Präsident Avery Brundage schimpfte über die »üble Demonstration von Negern« und verbannte sie aus dem olympischen Dorf. Smith und Carlos wurden verfemt und blieben es lange. Ein US-Bürger giftete: »Diese zornigen jungen Männer schwarzer Hautfarbe sind berufsmäßige Hasser. Wenn sie ihren Willen nicht kriegen, werfen sie Bomben.« Der Mann war kein Redneck vom Ku-Klux-Klan, sondern schwarz und hieß Jesse Owens. Und Brundage blieb ein ehrenwerter Mann. Jener Brundage, der 1936 in Berlin Hitler hofiert und dem Hitlergruß applaudiert hatte.
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An Tommie Smith denke ich, weil er 50 Jahre nach Mexiko den Dresdner Friedenspreis erhalten hat. Vor genau einem Monat und weitgehend unbeachtet. Leider auch von mir. Wenn ich den moralischen Zeigefinger hebe, sehe ich zuerst immer die anderen vier Finger.
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Die Paralympics enden. Ich warte auf den behinderten Sportler, der das sagt, was ich gerne sagen würde. So in Richtung: diskriminierende Abwertung durch mediale Überbewertung. Ähnlich wie der »positive Rassismus«, von dem eine schwarze deutsche Hochspringerin sprach, die sich in der Schule Dinge leisten konnte, für die andere bestraft oder schlecht benotet wurden, was sich die Lehrer bei ihr nicht trauten. Weil befangen. Wie ich.
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»Du kleiner Pisser!« Ohne Kontext eine üble Diskriminierung inkontinenter Kleinwüchsiger. Mit Kontext: So beschimpfte Gladbachs Manager Eberl den Hoffenheimer Trainer Nagelsmann. Unter Sportlern schnell vergeben und vergessen. Nagelsmann will es daher erst gar nicht gehört haben, Eberl entschuldigt sich trotzdem. Außerdem darf das einer wie er. Eberl ist 1,74 m, Nagelsmann 1,90 m. Ein Fall von unbewusster Selbstironie? Blasentechnisch liegen mir allerdings keine gesicherten Informationen vor.
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Noch’n Zitat. Holger Badstuber im Welt-Interview: »Korkut hat an ein paar wichtigen Schrauben gedreht.« Danke für das Weglassen des »Stell«, das bei den Schrauben modewörtlich (vor-)programmiert ist. Wann kommt endlich die Aktion »Strich durch Vor … silben«?
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Marco Russ hat im FAZ-Interview ein Wörtchen nicht weggelassen, sondern leicht irritierend hinzugefügt: »So gut wie die Bayern, Barcelona oder Madrid sind wir noch nicht.« Noch nicht? Gesundes Selbstbewusstsein. Hessen vorn!
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Der unvergleichliche Thomas Müller schenkt uns (im Sport-Bild-Interview) die Losung der Woche: »Auch ein Trainer kann sich vor seiner eigenen Meinung nicht verstecken.« Sprach’s und zeigt damit sogar Verständnis, dass er unter Ancelotti nicht so richtig zum Zuge kam. Verallgemeinern wir Müllers Worte und nehmen sie uns zu Herzen, denn auch wir sollten uns vor der eigenen Meinung nicht verstecken. Nur Mut!
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Russenpeitsche und Schneekanone. Wir können beides hinterm Ofen gemütlich abwettern. Aber der erste Storch der Saison, den ich vor einer Woche an der Lahn gesehen habe, auf halbem Weg zwischen Gießen und Wetzlar, was macht er bloß, der arme Kerl? Zurückfliegen ist keine Option. Da bleibt nur: Durchhalten!
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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