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Sport-Stammtisch (vom 17. März)

Die Katze und der Colt. Was mache ich hier bloß?, fragte sich das verängstigte Tier in Istanbul an der Eckfahne. Was macht der hier bloß?, fragten sich die Zuschauer in Thessaloniki, als der PAOK-Boss mit dem Revolver im Holster auf den Platz stürmte. Ist das noch Fußball?, fragt in meinem alten Lieblings-Cartoon ein unsichtbarer Kommentator, als ein Mann mit Skiern an den Füßen, Taucherbrille auf der Nase und einer Hantel in den Händen vom Zehnmeterturm ins Wasser springt. Hätte Bernd Pfarr ihm noch eine Katze auf den Buckel und eine Pistole an die Hüfte gezeichnet, die Comic des Bilderwitzes wäre verpufft, als Holzhammer-Humor, da zu überladen. Bei Pfarr war das Absurde Spaß, im Fußball wird es ernst.
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Colt? Revolver? Pistole? Ich kenne mich nicht aus, und der Unterschied interessiert mich auch nicht, jedenfalls war es ein Schießeisen. Wie der Henrystutzen oder die Silberbüchse, nur kürzer. Die kenne ich nämlich. Aber steckte das Schießdingens im Halfter oder im Holster? Ich war mir nicht sicher, googelte und erfuhr, dass Halfter ein Synonym für Holster ist, und die Gemeinsamkeit von kurzläufigen Schusswaffen und prallen Kellnergeldbörsen sei, dass beide im Holster/Halfter stecken, diesen »Taschen zum Zweck des schnellen Zugriffs.«
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Der PAOK-Boss hat zum Glück nicht schnell zugegriffen, Taschendieben gelingt der schnelle Zugriff hoffentlich auch nur selten, und der Revolverheld ist gar kein Grieche, sondern ein gebürtiger Russe und passt daher ins aktuelle Bild, siehe London. Doch die Wahrheit, sie ist volatil. Mehr noch als im Agenten-Unwesen ist sie es im Fußball und hat hier eine Halbwertzeit, die beim Uran alle Strahlungsprobleme lösen könnte. Denken Sie nur an die scheinbaren Wahrheiten über den FC Bayern und PSG Paris nach dem 0:3 der Münchner und Stand heute. Welche Wahrheit gilt am Ende der Saison? Noch haben die Bayern gar nichts gewonnen.
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Gar nichts? Nur leicht übertrieben. Der Landesmeistertitel zählt kaum, denn München spielt in einer eigenen Klasse und wirkt in der Bundesliga wie ein unterforderter Einser-Schüler unter hoffnungslos Unterbegabten. Nichts beschreibt die ganze Jämmerlichkeit besser als der noch jämmerlichere Auftritt des BVB in Salzburg, der in der Liga ähnlich konfus  holpert und stolpert – allerdings an der Spitze. Dass dort auch die anders Begabten von Niko Kovac zu finden sind, rundet die Lage der Liga ab. Aber sie machen wenigstens das Beste daraus, nämlich das Beste aus sich.
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Volatil. Das Modewort habe ich vorsichtshalber ebenfalls nachgeschlagen. Es kommt vom italienischen »volare« (fliegen). Die ganze Welt kennt es seit 1958, als Domenico Modugno das San-Remo-Festival gewann und die heute Alten als ganz Junge mitsangen: »Volaaaare, oho … nel blu dipinto di blu.« Das Adjektiv »volatil« bedeutet »beweglich«, »unstetig«, »flüchtig«. So gelten Wind- und Solarenergie als »volatile Energieträger, mit denen sich nur näherungsweise kalkulieren lässt«. Kürzlich las ich, dass die Fundamente von Windrädern aus 3500 Tonnen Stahlbeton bestehen und bis zu 30 Meter tief in die Erde gerammt werden. Gefährlich für Boden und Trinkwasser, daher  später komplett zu entfernen. Sagt das Gesetz. Wird es auch umgesetzt? Und wird das auch in der Energiebilanz und der Umweltverträglichkeit mitkalkuliert? Oder nur …. volatil?
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Ganz anderes Thema. In Gießen ging eine Ära zu Ende, im VfB 1900 wird kein Fußball mehr gespielt, die Abteilung ist aufgelöst. Schlimm, meint »Ihne Ihrn ahle Vaueffbeer«, der um die Jahrtausendwende über den Klub seines Herzens hessisch-manische Kolumnen schrieb und seit 1954 dessen Mitglied ist. Aber bevor der »ahle Vaueffbeer« auf die Traditions-Tränendrüse drückt, sollte er sich in seiner nostalgischen Schwärmerei fragen, ob er in all der Zeit auch nur ein Scherflein zum Erhalt des Leistungs-Fußballs in seinem Verein beigetragen hat.
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Hat er nicht. Ich weiß es. Spätes Outing: Der anonyme »ahle Vaueffbeer« von damals, das war ich. Mein Scherflein alleine hätte allerdings nicht gereicht, denn das war einst die kleinste Münze in Deutschland, gerade mal einen halben Heller wert, und im heutigen Fußball wird nicht in Hellern, sondern selbst bei den »Amateuren« in sechsstelligen Batzen gerechnet. Also Krokodilstränen weg und ran ans Werk.
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Zu guter Letzt: Vor ein paar Tagen schrieb ich im Begleit-Blog dieser Kolumne über das Schlechte am Gutseinwollen. Es ging natürlich um die Flüchtlingspolitik und den fatalen Fehler von 2015. Das hätte mir Beifall von der falschen Seite einbringen können, wenn ich nicht hinzugefügt hätte, dass die plötzlich harte Alibi-Hand auch die menschlich katastrophale Konsequenz habe, dass jahrelang geduldete Kinder, die besser deutsch sprechen als manche urdeutsche Dumpfbacke, rigoros rausgeschmissen werden.
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Rausschmeißen alleine genügt nicht, scheint Daniel Freiherr von Lützow zu denken. Der stellvertretende Landesvorsitzende der AfD Brandenburg gibt auf seiner Facebook-Seite zu: »Täglich werden Kinder von uns mit Messern getötet.« Ich finde, das geht zu weit. Selbst für die AfD. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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